Sebastian Turner: "Ich habe die Rolle von Werbung nicht überschätzt"

Donnerstag, 25. Oktober 2012
Sebastian Turner: "Sie können kaum sagen, alles in der Grütze" (Foto: Deniz Saylan)
Sebastian Turner: "Sie können kaum sagen, alles in der Grütze" (Foto: Deniz Saylan)

Mit großen Ambitionen war Sebastian Turner in die Politik gestartet. Der frühere Chef von Scholz & Friends wollte Oberbürgermeister in Stuttgart werden. Manche Beobachter gingen sogar davon aus, dass Turner perspektivisch noch höhere Ämter anstrebte. Seit vorigem Sonntag steht fest: daraus wird vorerst nichts. Der 46-Jährige hat die Stichwahl gegen Fritz Kuhn von den Grünen verloren. Im Interview mit HORIZONT spricht Turner über seinen Wahlkampf und die Gründe für die Niederlage. Wie finden Sie die "Taz"-Überschrift: "Er kann alles. Außer Wahlsieg"?
Der erste Teil ist etwas übertrieben. Aber wie viele Überschriften der "Taz" schön pointiert.

Sie gelten als scharfer Analytiker. Welche Fehler haben Sie im Wahlkampf gemacht?
Ich habe zu wenige Menschen persönlich kennengelernt. Ich habe mir den falschen Gegenkandidaten ausgesucht und der hat leider alle typisch grünen Polarisierungsthemen ausgelassen. Und dann war noch ein Fehler, dass alle linken Mitbewerber bis auf einen zurückgezogen haben. Dann ist es schwer, eine Stadt mit linker Mehrheit zu gewinnen.

Klingt nach: "Er kann alles. Außer Selbstkritik." Was würden Sie ändern, wenn Sie den Wahlkampf noch einmal führen könnten?
Ich könnte auch sagen, ich habe nicht das bewegende Thema gefunden und konnte der Koalitionsbildung nichts entgegensetzen. Wenn man das Ergebnis analysiert, kann man allerdings auch sagen: Es ist das beste Ergebnis der bürgerlichen Parteien in einer der zehn größten Städte Deutschlands in den letzten vier Jahren. Bei den letzten beiden OB-Wahlen hätte mein Ergebnis zum Sieg gereicht. Aber: Ich würde noch mehr Termine machen. Allerdings hatte ich mit 577 schon die meisten aller Kandidaten.

Waren Sie schlicht zu unbekannt?
Im Vergleich ja. Es ist eine Ausnahme, dass eine TV-Bekanntheit aus der Bundespolitik in die Kommunalpolitik strebt. Die Vertrautheit aus drei Jahrzehnten politischer Tätigkeit ist nicht einfach aufzuholen in einer Stadt, in der man nicht jedem persönlich begegnen kann.

Das wussten Sie doch aber schon vorher. Hätten Sie nicht mehr auf Inhalte setzen müssen, statt sich immer wieder als unabhängiger Kandidat zu stilisieren, der für einen anderen Politikstil steht?
Meine Kandidatur war die erste, insofern habe ich die anderen Kandidaten nicht gekannt. Ich habe als Erster ein Programm vorgelegt. Es war das umfangreichste und präziseste. Ich habe dann Detailprogramme vorgelegt, zum Beispiel ein 34-Punkte-Programm zum Kita-Ausbau. Das gibt dann einen Einspalter in der Tagespresse. Das entscheidet die Wahl nicht.

Inhalte sind also egal?
Sie sind solange nicht entscheidend, wie sie identisch sind. Bei vielen Punkten waren Kuhn, die SPD-Kandidatin und ich deckungsgleich. In den Feldern, die uns unterschieden, haben Kuhn und seine Partei im Wahlkampf langjährige Positionen geräumt.

Weiterlesen auf der nächsten Seite

Als Außenstehender hatte man den Eindruck, dass es Ihnen nicht gelungen ist, ein scharfes Markenprofil zu entwickeln. Erst haben Sie den großen Versöhner gegeben, dann den scharfen Angreifer. War dieser Schwenk richtig?
Die Logik dahinter ist das Wahlsystem. Bis zum ersten Wahlgang weiß man nicht, welcher Kandidat im Rennen bleibt. In diesem Jahr haben erstmals alle bis auf zwei ernsthafte Kandidaten zurückgezogen. Damit war eine klare Polarisierung vorgezeichnet. In dieser Phase hat sich der bürgerliche Stimmenanteil massiv erhöht.

In der öffentlichen Wahrnehmung waren Sie immer der "Werbefachmann". Hat das geschadet? Offenbar wollten die Stuttgarter keinen Werbefachmann, sondern einen Fachmann aus der Politik.
Das ist schwer zu sagen. Die Fachfrau für Rathausfragen hat im ersten Wahlgang nicht einmal halb so viele Stimmen bekommen wie ich. Von der Stimmenzahl her liege ich in der Stichwahl gleichauf mit den beiden siegreichen Wahlkämpfen des amtierenden OB Schuster.

Sie haben sich im Wahlkampf als Gegenbild zum Systempolitiker Kuhn dargestellt, aber nicht immer anders verhalten, zum Beispiel mit Ihrer Kommentierung der Niederlage in der ersten Runde. Auch jetzt klingen Sie wie ein Politprofi. Warum sind Sie nicht stärker aus den bekannten Mustern ausgebrochen – gerade in der Kommunikation?
Sie unterliegen als Kandidat der Logik von Gruppen. Wenn nach einem ersten enttäuschenden Wahlgang Hunderte von Freiwilligen am nächsten Tag wieder Stände aufbauen sollen, dann können Sie kaum sagen, alles in der Grütze, ihr könnt ausschlafen.

Aber auch Ihre Wahlwerbung war, gelinde gesagt, nicht anders, sondern eher politiküblich.
Meine Unterstützer fanden das nicht. Dass sich ein Kandidat ein Symbol gibt und es zum Stadtgespräch macht, ist nicht alltäglich. Aber natürlich steht auf dem Kandidatenplakat der Name und auch der Kopf ist drauf.

Als formal parteiunabhängiger Kandidat hätten Sie durchaus ein bisschen mehr wagen können – nicht zuletzt, weil Sie der unbekanntere Bewerber waren und mehr tun mussten, um aufzufallen.
Ja, natürlich. Ich habe auch allerhand anders gemacht. Vor allem aber habe ich wahrscheinlich als einziger Kandidat die Rolle von Werbung nicht überschätzt.

Wollen Sie in der Politik aktiv bleiben oder ist eine Rückkehr in die Kommunikationsbranche denkbar?
Die Eindrücke des Jahres müssen sich setzen und dann werden meine Frau und ich eine Entscheidung treffen. Interview: Mehrdad Amirkhizi
Meist gelesen
stats