Sebastian Turner - Anti-Berufspolitiker mit Berufspolitiker-Qualitäten

Freitag, 12. Oktober 2012
Sebastian Turner (Foto: Deniz Saylan)
Sebastian Turner (Foto: Deniz Saylan)

Der Oberbürgermeisterwahlkampf in Stuttgart geht in die heiße Phase. In neun Tagen findet die Stichwahl statt. Dann wird entschieden, wer das Rennen macht: Der nach dem ersten Wahlgang leicht in Führung liegende Fritz Kuhn von den Grünen oder der ehemalige Co-Chef von Scholz & Friends Sebastian Turner. Er tritt – Achtung, das ist ihm sehr wichtig! – als parteiunabhängiger Kandidat an. Wichtig ist Sebastian Turner dieser Punkt deshalb, weil er sich als Anti-Berufspolitiker positioniert. Als jemand, der sich frei macht von den Zwängen, die im Politikbetrieb herrschen. Als jemand, der unabhängig ist. Als jemand, der durch seine praktischen Erfahrungen als Unternehmer weiß, wie man erfolgreich eine Organisation führt. Als jemand, der auf den gesunden Menschenverstand hört. Als jemand, der auf Offenheit, Transparenz und Miteinander setzt. Kurzum: als das genaue Gegenteil seines Mitbewerbers Kuhn aus der ach so furchtbaren Politikerkaste.

Doch wie überzeugend ist diese Positionierung von Turner eigentlich? Was stimmt: Turner ist kein Berufspolitiker und gehört keiner Partei an. Und zweifellos ist er ein erfolgreicher Unternehmer. Man kann ihn getrost Multimillionär nennen, nicht zuletzt nach dem Verkauf von Scholz & Friends an die britische Werbeholding WPP. Weniger eindeutig wird die Sache, wenn es um die Themen Offenheit, Transparenz und Miteinander geht. Leute, die Turner aus seiner aktiven Zeit in der Werbung kennen – unter anderem als langjährigen Chef des Art Directors Club für Deutschland (ADC) –, tun sich schwer, dieses Bild nachzuzeichnen.

Turner galt vielen Branchenkollegen als "der Politiker" unter den Werbern. Gerade weil er es wie kein Zweiter – ausgenommen vielleicht sein ehemaliger Geschäftspartner Thomas Heilmann, der heute als Justizsenator von Berlin ebenfalls in der Politik ist – verstanden hat, aus dem Hintergrund Strippen zu ziehen, Mehrheiten zu beschaffen, Kampagnen zu organisieren. Dabei hatte man nicht immer den Eindruck, dass Transparenz das oberste Gebot war.

Und was den Anti-Politiker angeht, sollte man eins nicht vergessen: Turner tritt für CDU, FDP und Freie Wähler an. Ganz so weit weg vom etablierten Politikbetrieb wie er suggerieren will, ist er also nicht. Dafür spricht auch, dass er sich jetzt Unterstützung aus Berlin holt. Und zwar von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die zu den beliebtesten Politikern in Deutschland zählt. Sie soll am heutigen Freitag auf einer Kundgebung für Turner werben. Merkel kann man sicher einiges vorhalten, aber bestimmt nicht Distanz zum etablierten Politikbetrieb. Auch Turners Reaktionen auf die Ergebnisse des ersten Wahldurchgangs wirken nicht gerade politikfern. Das Muster, eine – wenn auch knappe – Niederlage schön zu reden (Turner: "Nach den Ergebnissen gab es Sprechchöre und minutenlangen Beifall"), kommt einem irgendwie bekannt vor, und zwar von Berufspolitikern.

Das Gleiche gilt für den Umgang mit dem politischen Gegner. Hier hat Turner den Ton zuletzt spürbar verschärft. Er teilt aus. Dabei ist er sich nicht zu schade für relativ stammtischnahe Parolen, dass der Berufspolitiker Kuhn von Diäten lebe, die über Steuern finanziert werden, die Turner als erfolgreicher und Arbeitsplätze schaffender Unternehmer bezahlt. Auch wenn er meint, er wehre sich damit nur gegen unwahre Behauptungen seines Gegners: Die Reaktion bleibt doch ein Reflex, wie man ihn aus dem Turner angeblich so suspekten Politikbetrieb kennt. "Negative Campaigning" ist nichts Neues und vor allem nichts Politikfernes. Wie erfolgreich diese Strategie ist, wird sich am 21. Oktober herausstellen. mam
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