Roland Tichy: "Recherche wird durch Abschreibejournalismus ersetzt“

Donnerstag, 18. November 2010
Roland Tichy ist seit 2007 Chefredakteur der "Wirtschaftswoche"
Roland Tichy ist seit 2007 Chefredakteur der "Wirtschaftswoche"

Im Interview mit HORIZONT geht Roland Tichy, Chefredakteur der "Wirtschaftswoche", mit dem deutschen Journalismus hart ins Gericht. "Man kann verfolgen, dass Recherche durch Abschreibejournalismus ersetzt wird", lautet seine Kritik. Statt Fakten aufzuschreiben, Pro und Contra abzuwägen und empirische Daten zu berücksichtigen, würden Journalisten durch den Druck des Internets und die Angst um den Job zunehmend die Stimmung anderer Medienmarken aufgreifen. "In der Vergangenheit waren Journalisten vom Typus her eher Querulanten. Neuerdings scheint es so zu sein, dass sich die Querulanten zum Chor vereinigen."

Tichy fordert auf, wieder zur Analyse und Recherche zurückzukehren - nicht zuletzt auch deshalb, weil den Journalisten im Internet-Zeitalter eine engagierte Gegenöffentlichkeit entgegenschlägt. Jedoch nehme der Journalismus diese noch nicht ernst genug. Blogs und Facebook-Präsenzen von Medienhäusern dienten der "Selbstbespiegelung". Viele Journalisten seien "fast ein bisschen autistisch", also unfähig, kritische Reaktionen aufzunehmen. "Ich nenne das Helikopter-Journalismus: Man fliegt ein, wirft einen Artikel wie eine Bombe ab. Wahnsinnige Verwüstung und Betroffenheit entsteht - aber man ist schon weg", so Tichy.

In den Reporterpools und Investigativteams, die Medienhäuser wie Springer und DuMont vor einiger Zeit gegründet haben, sieht er keine Lösung. "Ich habe von den großen Reporterteams noch keine sensationellen Enthüllungen mitbekommen", betont Tichy. Eine investigative Recherche entstehe, weil "sich ein paar Leute auf Themenfeldern, mit denen sie sich intensiv beschäftigen, den Schneid nicht abkaufen lassen". An diese Insidernews kämen die Reporterteams in ihren "wohltemperierten Redaktionsstuben" gar nicht heran. bn
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