Roland Tichy: "Deutscher Belehrungsjournalismus ist out"

Freitag, 09. November 2012
"Leser immer wieder anlocken": Roland Tichy
"Leser immer wieder anlocken": Roland Tichy


Für Roland Tichy ist das Zeitalter des Hundes vorbei - jetzt sind die Katzen am Zug. "Dem Hund sagt man: Lauf herum und er läuft herum. Die Katze kommt - oder sie kommt nicht. Bei den Lesern ist das genauso", sagte der Chefredakteur der "Wirtschaftswoche" beim Publishers' Summit des VDZ in Berlin. Deshalb müssen sich die Art und Weise, wie Journalisten mit ihren Lesern umgehen, grundlegend ändern: "Wir müssen sie auf allen möglichen Wegen anlocken, immer wieder. Der deutsche Belehrungsjournalismus ist out."
Angesichts der neuen digitalen Möglichkeiten - Internet, Social Media und Co. - folgen die Leser laut Tichy dem "SED-Journalismus von früher" nicht mehr: "Plötzlich antworten die Menschen auf unsere Artikel und es entsteht ein Diskurs", so der Chef der "Wirtschaftswoche". Zeitschriften und Zeitungen müssten deshalb immer mehr zu Diskussionsplattformen werden.

Die Orientierungsfunktion der Medien nehme in diesem Zusammenhang einen immer prominenteren Stellenwert ein, ergänzte Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur Spiegel Online. In der Fülle der Informationen, auf die mittlerweile fast jeder in vollstem Umfang zugreifen könne, würden Antworten und Meinungsvorschläge immer wichtiger werden. Alexander Görlach, Chefredakteur des Debatten-Magazins "The European", konnte in diesem Zusammenhang nur nicken. Das Besondere: Erst im September stand die erste gedruckte Ausgabe am Kiosk, bislang war die Marke lediglich im Internet präsent. "Es spielt keine Rolle, ob eine Debatte auf Papier oder auf dem Tablet stattfindet", so Görlach. Nur die Umsätze im Netz seien mit denen, die sich in Print erzielen ließen, nicht vergleichbar.

Das Smartphone ist nach Müller von Blumencron nun für alle ein relativ neuer Konkurrent. "Es ist immer in der Jackentasche dabei, und mit ihm locken Angry Birds, Facebook oder What's App. Die Zeit, um einen Hintergrundartikel auf Spiegel Online zu lesen, wird stark angegriffen", schilderte der Chefredakteur weiter. Dazu käme ein weiteres Problem: Die Frage, wie sich der explodierende mobile Traffic monetarisieren lässt, ist bislang unbeantwortet. "Wer deshalb im Moment nicht heftig diskutiert im eigenen Haus, der macht etwas falsch", so der "Spiegel"-Mann zu den Verlegern.

Eine Pay Wall allein sei jedenfalls kein Segensbringer. Zum einen sei schon die Errichtung allein nicht einfach - als Beispiel nannte Müller von Blumencron die "New York Times", bei der sich allein 150 Mitarbeiter um die Umsetzung der Bezahlschranke kümmern -, zum anderen sei nicht immer und überall klar, was überhaupt ein zahlenwerter Vorgang sei. Klar für den Spiegel-Online-Chefredakteur ist nur eines: "Die Profitabilität von früher werden wir in den nächsten Jahren nicht haben. Die Hoffnung, mit dem Errichten einer Paywall an alte Zeiten anknüpfen zu können, ist ein Trugschluss." kl
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