Razorfish: CEO Andreas Gahlert hört auf

Mittwoch, 15. August 2012
Gahlert hatte 1996 die Frankfurter Agentur Neue Digitale gegründet
Gahlert hatte 1996 die Frankfurter Agentur Neue Digitale gegründet

Paukenschlag in Frankfurt: Ab 2013 wird Razorfish Deutschland ohne Agenturgründer und CEO Andreas Gahlert auskommen müssen. Der 44-jährige Agenturchef verlässt nach 16 Jahren das zu Publicis zählende Network. Gahlert hatte 1996 die Frankfurter Agentur Neue Digitale, die seit 2006 zu Razorfish und damit zu Publicis gehört, gegründet. Der Ausstieg war, so der Gründer-CEO, langfristig geplant. Razorfish Deutschland gilt als einer der wichtigsten und kreativsten Dienstleister für digitale Kommunikation, Gahlert als einer der prägenden Köpfe der Branche. Michael Karg, Razorfish-President EMEA, übernimmt die kommissare Führung von Agentur und dem vor einigen Wochen gebildeten Management-Board. Im HORIZONT.NET-Interview erläutert Gahlert, warum er aufhört. Vor einem Monat hatten Sie in HORIZONT noch die neue Agenturstruktur vorgestellt. Jetzt kündigen Sie an, die Agentur Ende des Jahres zu verlassen. Für Außenstehende kommt das Knall auf Fall. Schon im letzten HORIZONT-Gespräch war meine Message ja: Wir haben ein neues, extrem starkes Management, die Agentur ist neu positioniert, Razorfish ist als Agentur der Zukunft bestens fürs digitale Zeitalter gerüstet. Der Ausstieg selbst ist von langer Hand geplant. 2006 haben mein Partner Olaf Czeschner und ich die Agentur verkauft, 2010 endete die Earn-out-Phase und Olaf ist ausgestiegen. Ich hatte mich damals entschlossen, die Integration ins Netzwerk zu managen, Razorfish als Agentur der Zukunft zu positionieren. Das haben wir geschafft, und deshalb kann ich guten Gewissens sagen: Ich habe meine Mission erfüllt.

Liegt es vielleicht auch daran, dass man sich als deutscher Unternehmertyp schwertut, dauerhaft Manager in amerikanisch-französischen Networks zu sein? Ich wusste ja schon seit der Unterzeichnung des Verkaufsvertrages 2006, dass die Zeit der Selbstständigkeit vorbei ist. Aber ich bin ein total neugieriger Typ und wollte wissen, wie es ist, als Angestellter zu arbeiten. Und ich kann Ihnen versichern: Es war eine tolle Erfahrung, mit den Kollegen von Razorfish und später mit denen von Publicis zu arbeiten. Die Zugehörigkeit zu einem so großen Network hat der von mir gegründeten Agentur einen unheimlichem Schub verschafft.

Ende vergangenen Jahres wurde der Zusatz Neue Digitale aus dem Unternehmensnamen gestrichen. Warum? Das Network hat nicht verlangt, dass wir uns umbenennen, der Anstoß kam von uns. Neue Digitale steht für eine ganz bestimmte Ära und verstand sich als Agentur, die tolle Web- und Microsites für innovative Kunden baut. Razorfish ist die Agentur fürs digitale Zeitalter. Wir sind keine Internet-Agentur mehr, die in der zweiten Reihe steht. Razorfish ist auf Augenhöhe mit Jung von Matt und Serviceplan. Wir pitchen um die großen Sachen.

Pitchen um die große Sache heißt auch: Razorfish pitcht um klassische Etats. Ich will keine Aussagen für bestimmte Kanäle machen. Klar machen wir auch Filme. Entscheidend ist aber, dass wir in der Lage sind, Ideen und Konzepte für Kunden bei der Markenführung im digitalen Zeitalter zu entwickeln.

Mittlerweile behauptet jede Agentur, sie könne digital. Klar behauptet das mittlerweile jede Agentur. Aber im Gegensatz zu vielen Dienstleistern beweisen wir seit 16 Jahren, dass wir es können.

Internet-Agenturen sind umsatzmäßig kleiner als die ehemals klassischen. Heißt: Die Hauptmusik wird nach wie vor im klassischen Bereich gespielt. Überhaupt nicht. Gerade beim Honorarvolumen dreht sich das massiv. Unsere Audi- und McDonald's-Etats lassen sich mit klassischen Etats vergleichen. Die meisten Unternehmen sind sich inzwischen sehr wohl bewusst, dass das Digitale das Zentrum von Kommunikationsmaßnahmen wird. Und wer versteht am besten Digital? Agenturen wie Razorfish.

Kann man digital Marken führen? Oder braucht man nicht immer noch den reichweitenstarken, emotionalen TV-Spot? Man muss sich die Frage stellen, für was Digital überhaupt steht. Früher war digital synonym für Online oder Internet. Dafür steht Digital aber gar nicht mehr, sondern vielmehr für fortschrittliche Möglichkeiten, die Konsumenten zu erreichen. Das können interaktive Spots genauso sein wie Social Media und vieles andere.

Neue Digitale stand immer für gute Kreation. Razorfish auch? Auf jeden Fall. Kreation ist nicht allein eine Frage von Kompetenz von einzelnen CDs, sondern eine Frage der Haltung. Man kann nicht einfach einen Kreativdirektor einstellen und dann sagen: Jetzt ist die Agentur kreativ. Bei uns ist die ganze Agentur kreativ, inklusive mir, auch wenn ich kein Designer bin. Die Kombination von Kreation und Technik ist etwas, was mein damaliger Kreativpartner Olaf Czeschner und ich als Stärke hatten und was uns so passend zu Razorfish machte.

Razorfish ist als Agentur der Zukunft positioniert. Verstehen das die Kunden? Zumal derzeit jede Agentur von sich behauptet, Agentur der Zukunft zu sein. Mag sein. Aber im Gegensatz zu anderen haben wir schon viel früher damit angefangen. Was eine Agentur der Zukunft auszeichnet, begreift man nicht in der PR einer Agentur, sondern in ihren Arbeiten für mutige Kunden. Ich habe kein Problem damit, wenn konservative Kunden nicht mit uns zusammenarbeiten. Wir wollen mutige, innovative Auftraggeber.

Und das funktioniert auch, wenn der Gründer, CEO und Vordenker aufhört? Meine Haltung ist in der Agentur sehr gut verankert. Und wir haben ein starkes Management, auf das die operativen Aufgaben verteilt sind. Ich finde es ehrlich gesagt auch zeitgemäß, nicht mehr einen Alleinherrscher in einer Agentur zu haben: Die digitale Welt ist so komplex, dass kein Unternehmensführer sich in allen Bereichen gut auskennen kann. Gleichwohl wird es einen CEO geben, aber wir haben keinen Zeitdruck.

Was kommt für Andreas Gahlert nach der Razorfish-Ära? Ich werde mir Zeit lassen und zunächst einmal viel Zeit mit meiner Frau und meinen drei Kindern verbringen. Aber ich habe schon ein paar Ideen, was ich dann unternehmerisch anpacken könnte, bin an einem Modelabel beteiligt und habe eine Beteiligungsgesellschaft gegründet. Aber ich muss erst das eine Kapitel emotional abschließen, bevor ich mich dem nächsten größeren Ding widmen kann.vs

 
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