Rabes Rundumschlag: Wie der Bertelsmann-Chef gegen Gruner + Jahr schießt

Freitag, 14. Dezember 2012
Nach dem Rabe-Interview rätselt man bei Gruner + Jahr über die Beweggründe
Nach dem Rabe-Interview rätselt man bei Gruner + Jahr über die Beweggründe

Nachtreten? Taktik, gar Strategie? Arglosigkeit oder Stillosigkeit? In Hamburg versucht man sich gerade etwas ratlos an der Interpretation eines Interviews, das Bertelsmann-Chef Thomas Rabe dem „Manager Magazin" gegeben hat. Hamburg heißt: Nicht nur auf den Fluren der Bertelsmann-Tochter Gruner + Jahr, sondern wohl auch in der Verlegerfamilie Jahr, die 25,1 Prozent an G+J hält. Denn auch den Jahrs dürfte Rabes Rundumschlag kaum gefallen. Unverblümt degradiert Rabe das einstmals so stolze Verlagshaus Gruner + Jahr rhetorisch zur unbedeutenden Zeitschriftenabteilung: Der traditionelle Sitz des G+J-Chefs im Bertelsmann-Vorstand? „Nicht zwingend", so Rabe; mit Bräuchen könne man keinen Konzern umbauen. Die Stimme von G+J im Gesamtvorstand? Er selbst, als G+J-Aufsichtsratchef. So nimmt Rabe den Verlag, Compliance hin oder her, öffentlich an die ganz kurze Leine.

Bertelsmann-Chef Thomas Rabe
Bertelsmann-Chef Thomas Rabe
Dazu passt, dass er vom G+J-Vorstandstrio bisweilen im Kontext von „Geschäftsführung" spricht, die dieses immerhin „weitgehend unabhängig" ausüben könne. In diesem Licht betrachtet, ergibt auch die Entscheidung Sinn, bei G+J keinen CEO mehr zu installieren: Durch die Aufgabenteilung (Julia Jäkel: Deutschland, Torsten-Jörn Klein: Ausland, Achim Twardy: Finanzen) kann keiner der drei Vorstände, die Rabe offenkundig eher als Geschäftsführer sieht, strategisch und ganzheitlich für G+J sprechen. Europas - wohl nicht mehr lange - größtes Zeitschriftenhaus ist sprachlos, im wahrsten Sinne des Wortes.

Auch deshalb, weil Rabe dem (Ex-) Management vorwirft, zu wenig in den digitalen Umbau investiert zu haben. Überliefert ist allerdings anderes: Über 10 Jahre Vollausschüttung an die Gesellschafter und daher gezwungenermaßen nur Klein-Klein-Investitionen. Immerhin ist Rabe bereit, auch beim Verlag G+J, bei dem er indes „nicht weiß, ob sein Ergebnisrückgang temporär oder von Dauer ist", in die digitale Transformation zu investieren. „Ich glaube, mehr kann man nicht tun." Klingt das programmatisch? Oder eher nach Schulterzucken?

Wenn man den Wert einer (einst) wichtigen Unternehmensbeteiligung systematisch klein reden wollte, durch Zweifel an ihrer Zukunftsfähigkeit und durch kaum kaschierte Geringschätzung - man müsste in etwa solche Sätze sagen wie jetzt Rabe im „Manager Magazin" über G+J. Den Mitgesellschaftern, der Jahr-Familie, kann das kaum gefallen, zumal Rabe indirekt ihr die Schuld gibt am Bekanntwerden der - am Ende gescheiterten - Anteilstausch-Pläne im Sommer („ein Bruch von Vereinbarungen und von Vertrauen"). Denn schließlich hatten den Deal nur zwei Seiten verhandelt: Er und die Jahr-Vertreter.

Will Rabe vielleicht den Wert von G+J herunterreden und die Jahrs mürbe machen, um bald einen weiteren Versuch zu starten, die Verlegerfamilie herauszukaufen - diesmal aber zu für Bertelsmann besseren Konditionen? Oder bereitet Rabe den Markt und den Verlag rhetorisch auf eine Zukunft jenseits des Konzerns („Ich habe eine sehr genaue Vorstellung davon, wie Bertelsmann aussehen soll") vor, etwa durch Verkauf oder Filettierung, wie immer mal wieder spekuliert wird? Oder will er durch G+J am Konzernpranger von anderen Gütersloher Schwächen ablenken, etwa vom fehlenden Wachstum, Eigenkapital und Investitionsmitteln, von möglicherweise drohenden Wertberichtigungen, vom vielleicht bevorstehenden - und dann wohl sehr teuren - Herauskauf des Finanzinvestors KKR beim Joint-Venture BMG Rights Management? Das sind die Fragen, die man sich gerade so stellt auf den Hamburger Fluren.

Ein G+J-Sprecher wollte sich zu dem Interview nicht äußern. Winfried Steeger, der Geschäftsführer der Jahr-Holding, war bisher nicht zu erreichen. rp
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