RTL-Radios weg: AS&S verliert Großteil der privaten Mandanten an RMS

Freitag, 29. Juni 2012
Gewinner: RMS-Chef Florian Ruckert
Gewinner: RMS-Chef Florian Ruckert

Für AS&S Radio kommt es derzeit knüppeldick. Erst im April wurde der Frankfurter Vermarkter wegen seiner Preis- und Angebotspolitik vom Konkurrenten Radio Marketing Service (RMS) verklagt. Nun verliert AS&S auf einen Schlag neun Privatradio-Mandanten an den Erzrivalen. Darunter befinden sich auch die Sender der RTL-Radiogruppe: Ihre bislang von AS&S Radio betreuten Programme 104.6 RTL, Spreeradio, Radio Brocken, 89.0 RTL sowie Hitradio RTL Sachsen und das Lokalradioangebot Sachsen Funkpaket wechseln ab 1. Januar 2013 zu RMS. Gleiches gilt für das nationale Programm RTL Radio mit Sitz in Luxemburg sowie die Programme JAM FM/ JAM FM Berlin und Ostseewelle, an denen RTL nicht beteiligt ist. „Wir freuen uns sehr, dass wir zehn weitere starke private Sendermarken unter dem Dach von RMS begrüßen dürfen“, sagt RMS-Chef Florian Ruckert, der seinen Wettbewerber AS&S Radio damit weiter in die Defensive drängen will: „Wir wollen künftig unsere verbesserte Marktstellung für strategische Veränderungen im Markt nutzen.“ Die Gesellschafter von RMS haben erst kürzlich beschlossen, die neuen Sender in die Vermarktung aufnehmen zu wollen. Ein Teil von ihnen wird auch als Gesellschafter bei RMS eintreten. Ab 2013 erweitern 104.6 RTL und Spreeradio sowie 89.0 RTL, Radio Brocken und die BCS Broadcast Sachsen mit Hitradio RTL und dem Sachsen Funkpaket den Kreis der RMS-Gesellschafterkreis auf 21.

Verlierer: Oliver Adrian von AS&S Radio
Verlierer: Oliver Adrian von AS&S Radio
Bei AS&S Radio ist die Stimmung dagegen gedrückt. Vor allem der Abschied der RTL-Sender schmerzt: „Wir bedauern den Weggang unseres Vermarktungspartners, mit dem uns eine langjährige und für beide Seiten erfolgreiche Zusammenarbeit verbindet“, sagt Geschäftsführer Oliver Adrian und verweist auf die positive Entwicklung seines Vermarkters: „Auch in diesem Jahr hat sich die Umsatzsituation - für RTL wie für alle anderen AS&S-Radio-Mandanten - sehr gut entwickelt.“ Das Plus beziffert er auf 10 Prozent im laufenden Jahr. „Vor diesem Hintergrund ist es für uns nicht offensichtlich, auf welcher Argumentationsebene RTL Radio zu diesem Wechsel zu bewegen war.“

Oliver Adrian: Da die Wechselabsichten von RTL Radio seit einigen Jahren immer wieder Thema waren, sind wir nicht unvorbereitet. “
Im Lager von AS&S ist man überzeugt, dass sich RTL bei seiner Wechsel-Entscheidung nicht nur von finanziellen, sondern auch von strategischen Erwägungen leiten ließ. VPRT und namhafte Privatradiomanager aus dem RMS-Umfeld sind seit längerem bestrebt, die Kreise des ARD-Hörfunks im Werbemarkt einzuschränken. So fordert der VPRT eine Werbezeitenbeschränkung der ARD auf 60 Minuten pro Tag in nur einem Programm. Auch die Klage der RMS setzt AS&S Radio unter Druck. Sie ist nach dem Weggang von neun Mandanten faktisch auf den Status eines Werbezeitenvermarkter öffentlich-rechtlicher Hörfunkwellen zurückgefallen. Die bei AS&S verbliebenen Privatradios, darunter mehrere Energy-Stationen, Alster Radio und Rockland, spielen für die nationale Vermarktung keine große Rolle.

Der Wechsel von RTL zur RMS hat auch Auswirkungen auf die Kombiangebote im nationalen und regionalen Markt. Ab 2013 ist die RMS Super Kombi bundesweit bei den 14- bis 49-Jährigen voraussichtlich wieder die klare Nummer eins vor der AS&S Deutschlandkombi. Derzeit erreicht die Super Kombi rund 6,4 Millionen Hörer pro Stunde, das sind nur 184 000 mehr als die Deutschlandkombi von AS&S. Durch die neuen Mandanten gewinnt RMS auf einen Schlag 960 000 Hörer bei 14-49 hinzu. Diese Zahl kann sich allerdings noch ändern, wenn Mitte Juli die neuen MA-Zahlen erscheinen.

Niels N. von Haken: Der Wechsel war eher eine politische Entscheidung. Unter planerischen Gesichtspunkten ergibt er keinen Sinn. 
Der Verlust von RTL zwingt AS&S und die Werbetöchter von RBB und MDR zu Änderungen in ihren Angeboten. So wird die AS&S Kombi Ost ab 2013 vom Markt verschwinden und durch ein regionales Angebot der MDR Werbung ersetzt werden. Auch in Berlin dürfte es Änderungen geben. Glaubt man den Entscheidern bei AS&S Radio, dann haben sie vorgebaut: „Da die Wechselabsichten von RTL Radio seit einigen Jahren immer wieder Thema waren, sind wir nicht unvorbereitet“, so Adrian. So will sich AS&S Rado sich künftig neben der nationalen Vermarktung stärker auf die wirtschaftsstarken Ballungsräume konzentrieren und rechnet sich Chancen aus, unzufriedene Mandanten von RMS zu sich locken zu können. Auch Niels N. von Haken gibt sich gelassen. „Wir haben gut mit RTL zusammengearbeitet und bedauern ihre Entscheidung.“ Der Chef der MDR-Werbung zweifelt jedoch daran, dass RTL bei RMS besser fährt: „Der Wechsel war eher eine politische Entscheidung. Unter planerischen Gesichtspunkten ergibt er keinen Sinn.“ Grund: Die Regionalkombis von RMS im Osten und in Berlin könnten durch die Hinzunahme der RTL-Sender einen werblichen Überdruck erzeugen. Den müsste RMS entweder durch hohe Kombirabatte oder eine Aufsplittung der Kombis austarieren. Das birgt die Gefahr schwächerer Umsätze für die (neuen) Einzelsender.

Mit dem Wechsel der RTL-Sender zu RMS endet eine Ära. Im Jahr 1999 konnte sich die ARD Werbung Sales & Services erstmals deren Vermarktung sichern, nachdem die von RTL kontrollierte Vermarktungsunit IP Radio ihre Pforten geschlossen aufgrund hoher Verluste hatte schließen müsssen. Nun schlägt die RTL-Radiogruppe ein neues Kapitel in der Vermarktung ihrer Sender in Ostdeutschland und Berlin auf. gui
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