Pro Sieben Sat 1: Konzern will an regionale Werbekunden ran

Donnerstag, 04. Oktober 2012
Thomas Ebeling experimentiert mit lokal ausgelieferter Werbung
Thomas Ebeling experimentiert mit lokal ausgelieferter Werbung


Pro Sieben Sat 1 hat große Pläne: Konzernlenker Thomas Ebeling will mit regionaler Werbung in naher Zukunft Möbelhändler, Getränkehersteller oder Biermarken mit regionaler Distribution und einem Werbeetat ab 250.000 Euro pro Jahr für sich gewinnen. Die Senderfamilie will Werbung in fünf Teilgebiete auseinanderschalten: Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen sowie Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland, Nord-Nordost und Süd-Ost mit Bayern, Sachsen und Thüringen. Das funktioniert aber nur bei den Kabel-Haushalten. Erste Tests mit den Netzbetreibern Kabel BW in Baden-Württemberg und Unity Media in Nordrhein-Westfalen zeigten: Technisch geht das. Für Pro Sieben Sat 1 soll es sich auch rechnen. Doch mit seinem Anliegen steht der Konzern vorerst allein. Konkurrent RTL und sein Vermarkter IP Deutschland verfolgen die Diskussion um regionale TV-Werbung in nationalen Sendern von der Zuschauertribüne: „Ob sich ein tragfähiges Geschäftsmodell entwickeln lässt, wird sich zeigen", sagt IP-Chef Matthias Dang.

Auffällig ist, dass die Vermarktungsspezialisten von Pro Sieben Sat 1 vom Trend zur feinräumigeren Planung profitieren wollen, zumal die Zuwachsraten im nationalen TV-Werbemarkt immer kleiner werden. Wie und wann sie mit der Regionalvermarktung beginnen, lassen sie offen. Der Konzern will aber weit über das hinausgehen, was es im nationalen Fernsehen schon jetzt an regionalen Werbeplätzen gibt.

P7S1-Vorstand Conrad Albert
P7S1-Vorstand Conrad Albert
So offeriert er derzeit eine Belegung in den Regionalfenstern zwischen 17.30 und 18 Uhr. Dort steht Werbekunden jeweils eine Scharnierwerbeinsel zur Verfügung. Das ist Conrad Albert zu wenig. Der Vorstand Legal, Distribution & Regulatory Affairs bei Pro SiebenSat 1 fordert: „Damit unser Angebot für die Werbungtreibenden Sinn ergibt, müssen wir flexibel in jedem gewünschten Umfeld, zu jeder gewünschten Zeit und vor allem auch in Unterbrecherwerbeinseln dezentrale Werbeflächen anbieten können." Damit würde der deutsche Markt zur europäischen Normalität aufschließen: „Die Erfahrungen zum Beispiel in den Niederlanden, haben klar gezeigt, dass auch lokale TV-Veranstalter profitieren, wenn es neue Kunden für dezentrale Werbung in nationalen TV-Programmen gibt", argumentiert Albert.

Die Vertreter der regionalen Medienhäuser laufen Sturm gegen die Pläne von Pro Sieben Sat 1, weil sie Einbrüche in ihren lokalen und regionalen Werbemärkten befürchten. Schon im März bezeichnete der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) das Vorhaben als rechtswidrig. Protest kommt auch aus dem Radiolager, das in den TV-Sendern neben Online-Plattformen, Suchmaschinen und sozialen Netzwerken einen weiteren Konkurrenten sieht. Verlage, Radio- und Lokal-TV-Sender rufen nun die Politik zur Hilfe. Sie soll im Rundfunkstaatsvertrag für klare Regelungen sorgen und die Pläne von Pro Sieben Sat 1 durchkreuzen.

Der Sender macht sich unterdessen eine Lücke im geltenden Rundfunkstaatsvertrag zunutze. Der untersage dezentrale Werbung von bundesweiten TV-Anbietern nicht, so Albert. „Außerdem ist ja kein neues Fernsehprogramm geplant, das in einem bestimmten Bundesland eine Meinungsbildungsrelevanz entfalten könnte. Es geht um den Austausch von ein paar Minuten Werbung am Tag, in den meisten Fällen über die Grenzen eines Bundeslandes hinaus. Dafür brauchen wir keine Gesetzesänderungen."

Was erlaubt ist und was nicht, muss eigentlich die Kommission für Zulassung und Aufsicht der Medienanstalten (ZAK) feststellen. Doch die ist noch zu keinem Ergebnis gekommen. Auch die badenwürttembergische Rundfunkaufsicht LFK hält sich bedeckt. Die Sondierungsphase mit anderen Medienanstalten sei noch nicht abgeschlossen, sagt Präsident Thomas Langheinrich. Guido Schneider

-
-
Meist gelesen
stats