Presse-Grosso-Chef Frank Nolte: „Es geht ums Geld"

Dienstag, 14. September 2010
Frank Nolte, 1. Vorsitzender des BVPG
Frank Nolte, 1. Vorsitzender des BVPG

Medienpolitische Grundsatzfragen dominieren den Jahreskongress des Bundesverband Presse-Grosso. Die großen Streitpunkte zwischen Grossoverband (BVPG) und Verlegerverband (VDZ) sind zwar nicht neu - aber nach wie vor ungelöst. Beim gemeinsamen Vertriebsforum bezogen Frank Nolte, 1. Vorsitzender des BVPG, und Torsten Brandt, Vertriebschef bei Axel Springer, Position. Streit gibt es bei drei Punkten. Erstens, der Kündigungsfrage.Während Verlage der Auffassung sind, Grossisten auch aus wirtschaftlichen Gründen kündigen zu dürfen, sehen Grossisten dadurch ihre Neutralität gefährdet. Brandt: „In einer freien Marktwirtschaft ist eine Kündigung aus sachlichem Grund gerechtfertigt. Dabei ist die Kündigungsmöglichkeit in eine klare Bekenntnis zum Systemerhalt eingebettet." Das gebietsbezogene Alleinauslieferungsrecht garantiere die Überallerhältlichkeit von Presse und solle erhalten bleiben. Allerdings: „Eine vereinzelte Wettbewerbskonstellation kann nicht ausgeschlossen werden."

Nolte, der sich vom Ton des VDZ in einem Positionspapier „maßlos enttäuscht" zeigt, fürchtet, dass Verlage das Grossosystem zu ihren Gunsten verändern wollen: „Es geht ums Geld". Wenn der Grossoverband der Verlagsforderung nach einer Wertschöpfungsverschiebung zugunsten der Medienhäuser nicht nachgebe, steige der Druck von marktstarken Verlagen auf einzelne Grossisten - etwa durch solche Kündigungen. Seine Forderung: Auch Verlage seien zur Gleichbehandlung verpflichtet.

Zweites Ärgernis, die Fusionsregelung. Dass die Konsolidierung voranschreiten wird, hält Nolte für absehbar: Nur noch 55 bis 60 Grossobetriebe könnten künftig im Markt aktiv sein, allein im 1. Halbjahr 2010 gab es vier Fusionen. Der Verband möchte Fusionsregeln, damit sich Grossobetriebe in „unternehmerischer Selbstbestimmung" zusammenschließen können. Zwar räumt Nolte Verlagen ein „gewisses Mitspracherecht" ein, aber: „Wenn Großverlage dadurch ein massives Machtinstrument in der Hand halten, ist das nicht akzeptabel."

Brandt argumentiert dagegen, dass Verlage durch das Remissionsrecht auch das wirtschaftliche Risiko trügen. Neue Fusionsregelungen seien nicht nötig, da die bestehenden Verträge ausreichende Planungssicherheit böten.

Dritter Diskussionspunkt, die Ausdehnung des Verlagsgrossos. Von aktuell 69 Betrieben gibt es zwölf Grossisten, an denen Verlage beteiligt sind. „Verlagsgrossisten sind nicht weniger neutral als Grossisten ohne Verlagsbeteiligung", so Brandt, der sich auf eine Untersuchung des Kartellamts bezieht. Beide Parteien betonen dabei, dass die Gemeinsame Erklärung von 2004 nach wie vor Bestand habe und eine weitere Ausweitung nicht erwünscht sei.

Trotz des Zoffs auf politischer Ebene - Gespräche zwischen den Verbänden sollen am kommenden Freitag aufgenommen werden - betonen die Verbandvertreter, im Tagesgeschäft „hervorragend" zusammenzuarbeiten. Dass diese Kooperation Früchte trägt, belegt das Presse Data Warehouse-Projekt: So sollen ab 2011 - neben den Grossisten - auch Verlage, Nationalvertriebe und nicht im Verband organisierte Pressegroßhändler titelbezogene Daten zur Marktanalyse zur Verfügung gestellt bekommen. Die Investitionen hierfür liegen im siebenstelligen Bereich. Außerdem wurde das Koordinierte Vertriebsmarketing (KVM) nach siebzehn Jahren modernisiert, das gemeinsame vertriebliche Leistungen von Verlagen und Presse-Grosso regelt. se
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