Presse-Absatz sinkt im 1. Halbjahr um 6 Prozent / Qualitätssiegel soll Grossisten prüfen

Dienstag, 15. September 2009
Auch die Grossisten leiden unter der Wirtschaftskrise
Auch die Grossisten leiden unter der Wirtschaftskrise

Der strukturelle Wandel hat das Zeitschriften- und Zeitungsgeschäft weiter fest im Griff: Im ersten Halbjahr 2009 ging der Absatz mit Presseprodukten um 6,1 Prozent auf rund 1,3 Milliarden Exemplare zurück. Insgesamt - also inklusive Non-Press-Produkten - sank er um knapp 8 Prozent auf circa 1,4 Milliarden Exemplare. Der Umsatzrückgang fällt - auch aufgrund von Preissteigerungen bei vielen Titeln - etwas geringer aus: Im ersten Halbjahr 2009 ging der Umsatz im Presse-Grosso um 2,29 Prozent auf rund 1,3 Milliarden Euro zurück. In den letzten zehn Jahren hat das Presse-Grosso damit fast eine halbe Milliarde Euro Umsatz im Kerngeschäft verloren. Das Vertriebsstellennetz dagegen wurde auf rund 124.000 Filialen ausgeweitet, vor allem durch die Erschließung von Discounter.  Diese Zahlen nannte der Bundesverband Presse-Grosso (BVPG) im Rahmen seiner heutigen Hauptversammlung.

Dem Negativ-Trend der vergangenen Jahre will der Verband mit dem Change-Programm "Fit für die Zukunft" entgegensteuern. Wichtigster Punkt: Ein Qualitätssiegel soll alle 73 Grossisten nach Kriterien wie Marktausschöpfung, Regulierung, Remissionsquoten aber auch anhand von Ergebnissen aus Einzelhandels- und ggf. Lieferantenbefragungen  prüfen. Vergeben wird das drei Jahre gültige Siegel durch einen "neutralen Partner". Wichtig dürfte dabei auch sein, die Verlage mit ins Boot zuholen (siehe Interview).

Außerdem soll auf Anregung der Bundesregierung ein Schlichtungsgremium gegründet werden, um Streitigkeiten wie den aktuellen Kündigungskonflikt mit der Bauer Media Group, schon im Vorfeld zu vermeiden. Dass es in Zukunft dennoch zu Konzentrationen kommen wird, davon geht der Grosso-Vorstand aus. Seit 1997 sank die Zahl der Grosso-Firmen um rund ein Viertel auf heute 73 Betriebe, davon 12 mit Verlagsbeteiligung.

Als eines der dringendsten Probleme sieht Frank Nolte, 1. Vorsitzender des Verbands, neben der negativen Umsatzentwicklung und der Kürzung der Handelsspannen, die veränderten Strukturbedingungen: "Die durchschnittliche Auflagengröße sinkt immer weiter". Der Trend gehe hin zu Special-Interest-Titeln, die einen erhöhten Vertriebsaufwand darstellen. Ein Lichtblick für 2010 ist immerhin die Fußball-WM: Hierdurch werde der Abverkauf an Non-Press-Artikel wie Sammelbildern, wieder steigen. se

Ein Interview mit Frank Nolte, 1. Vorsitzender BVPG, zu diesen Themen lesen Sie auf der nächsten Seite.


Frank Nolte
Frank Nolte
Der Grosso-Verband startet das „Change-Programm", dabei werden Grossisten mit einem Prüfsiegel zertifiziert. Was soll der „Grosso-TÜV" leisten? Den sehr hohen Leistungsstandard, den wir heute schon haben, wollen wir festzurren und dafür sorgen, dass er einheitlich umgesetzt wird. Dort wo es der Markt erfordert, soll der Standard weiterentwickelt werden.

Wann soll die Zertifizierung starten? Die Tests sollen im März 2010 beginnen, im 2. Halbjahr 2010 planen wir mit der Umsetzung zu beginnen. Wir gehen davon aus, dass alle 58 Mitgliedsunternehmen und auch die 15 Nicht-Verbandsmitglieder daran teilnehmen.

Wie wichtig ist es, dass ein solches Siegel von den Verlagen akzeptiert wird? Sehr wichtig. Wir wollen uns nicht dem Vorwurf aussetzen, eine selbstverschaffte Zertifizierung einzuführen. Wir wollen gemeinsam die Leistungsniveaus festlegen und dafür sorgen, dass sie von allen eingehalten werden. So schützen wir uns vor dem Vorwurf, die erbrachte Leistung sei nicht homogen.

Sie wollen 2010 auch ein Schlichtungsgremium einführen. Mit welchen Ziel? Die Bundesregierung hat eine solche Schlichtungsordnung in Ergänzung zur Gemeinsamen Erklärung angeregt. Ein Schlichtungsgremium könnte Streitigkeiten, etwa sich anbahnende Kündigungen, im Vorfeld besprechen. Die Gespräche mit VDZ und BDZV darüber stehen in den nächsten Wochen an.

Soll das Schlichtungsgremium sich auch bei  bestehenden Streits, wie aktuell im Fall Bauer, einschalten?

Das Schlichtungsgremium sollte idealerweise durch VDZ- und Grosso-Vorstände, eventuell auch durch Dritte besetzt sein. Viele haben sich bislang in der Schlichtung der aktuellen Streitigkeiten zwischen dem Bauer Verlag und dem Grosso-Verband versucht. Insofern wäre es vermessen zu sagen, nur dadurch, dass wir nun ein Gremium einführen wollen, führt das zum Erfolg. Nichtsdestotrotz ist es den Versuch wert. Vielmehr geht es aber um die Vermeidung zukünftiger Auseinandersetzungen.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass der Streit mit Bauer nicht vor dem Bundesgerichtshof endet? Ich schätze sie als ziemlich gut ein. Mit den vorliegenden Landgerichtsurteilen haben wir Antworten auf bestimmte Fragen bekommen und sollten uns jetzt wieder auf die Marktbearbeitung konzentrieren. Im übrigen bestehen die drei gekündigten Grossisten nicht darauf, weiterbeliefert zu werden. Alle haben zur außergerichtlichen Lösung des Konflikts Fusionsangebote unterbreitet. So könnte die Belieferung einer neugegründeten Firma durch Bauer wieder aufgenommen werden. Interview: se

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