Prechts Thesen zu Print: "Der Kopf ist noch drauf, aber die Verbindung zum Rückenmark ist getrennt"

Donnerstag, 13. September 2012
Populärphilosoph und Printfan: Richard David Precht
Populärphilosoph und Printfan: Richard David Precht

Er ist sicher nicht der erste, an den man denkt, wenn es um die Keynote bei der Jahrestagung des Bundesverbandes Presse-Grosso denkt. Doch Richard David Precht, derzeit Deutschlands populärster Philosoph, kann auch zum Thema "Pressevertrieb zwischen Medienpluralität und Wirtschaftsliberalismus" etwas beisteuern. Seine Thesen sind nicht neu - aber Balsam für die verletzte Printseele.

Qualitätszeitungen stärken den sozialen Kitt der Gesellschaft

Precht, der Meister der einfachen Worte, beginnt mit einer seiner Lieblingsgeschichten, wenn es um Medien geht: über einen chinesischen Henkerwettstreit und das möglichst kunstvolle Töten. In dem Beispiel trennt der erste Henker den Kopf des Delinquenten mit einem Schlag vom Rumpf, das Publikum ist begeistert und jubelt. Der Zweite überlegt lange, wie er das überbieten kann, holt zu einem kunstvollen Schlag aus, doch der Kopf des Delinquenten bleibt am Körper. Das Publikum ist bitter enttäuscht. Doch der Henker lächelt und sagt zu seinem Opfer: „Nicken Sie doch mal."

An dieser Stelle bringt Precht die Zeitungsbranche ins Spiel, ihr gehe es momentan ja wie dem Delinquenten: "Der Kopf ist noch drauf, aber die Verbindung zum Rückenmark ist getrennt." Eine Situation, in der sich Zeitungen auf ihre Stärken besinnen und sich  ihrer Rolle bei der Herstellung von Öffentlichkeit bewusst werden müssten. Diese sei es nicht, lediglich zu informieren und zu unterhalten, sondern über die Auswahl relevanter Themen den sozialen Kitt innerhalb der Gesellschaft zu stärken.

Print schlägt Netz mit Qualität

Precht ist ein - wenn auch alles andere als öffentlichkeitsscheuer - Geisteswissenschaftler und vielleicht auch deshalb kein großer Fan leicht konsumierbarer Information. Soziale Netzwerke bezeichnet er als  "Modeerscheinung", und Facebook wird in seinen Augen "genauso schnell abstürzen wie ein zu früh aus dem Feuer genommener Auflauf". Das Internet habe die Meinungsvielfalt nicht größer, sondern lediglich transparenter gemacht und fördere eine Pöbelkultur, in der "Menschen gerne anonym, aber fallbeilartig ihren Unmut äußern". Im Gegensatz zur Tageszeitung fehle im Netz jegliches Filtersystem und jede Qualitätskontrolle: "Nicht umsonst gibt es bei Zeitungen Redakteure, die Leserbriefe aussortieren und eine Chefredaktion, die Kommentare abnimmt."

Zeitungen erweitern den Horizont der Leser

Nein, ein Internet-Fan ist Precht wahrlich nicht. Für ihn führt das Netz zu einer "Verstärkung von Vorurteilen", weil der User dort nur das liest, wonach er sucht. Zeitungen dagegen enthielten breites Orientierungswissen ohne ideologische Vorprägung: "Wenn jemand eine Zeitung durchblättert, findet er dort auch Informationen, nach denen er nicht unbedingt gesucht hat - das erweitert den Horizont."

Und zum Schluss: Hegel

Precht ist Autor, Herausgeber einer Zeitschrift ("Agora 42") und mittlerweile auch Talkmaster ("Precht", ZDF) - aber trotz aller Popularität Philosoph. Ganz ohne die Hegel'sche Dialektik, nach der jede Bewegung ihre eigene Gegenbewegung hervorbringt, geht es dann eben doch nicht. Der Prozess der Beschleunigung sorge zwangsläufig auch für eine Entschleunigung, und das gelte auch in der Medienwelt. "Die Menschen brauchen Orientierung und verlässliche Information. In diesem Bereich haben die Zeitungen einen Vorsprung. Sie sollten ihn nicht verspielen."

Am 7. Oktober kann Precht seine Thesen einen weiteren Praxistest unterziehen. Dann ist Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner zu Gast in seiner Talkshow. kl

 

 
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