Porno-Skandal im Internet

Mittwoch, 29. September 1999

Nach einem Bericht von "Stern-TV" am Mittwoch Abend sind Banner von drei Konzernen im Umfeld von Kinderpornographie geschaltet worden. Die Diskussion um Standards für die Vermarktung von Internet-Inhalten ist damit erneut entfacht. Wenn Internet-Vermarkter eigenmächtig Titel im Ausland mit nicht überprüften Inhalten buchen, kann es für Werbungtreibende und Mediaagenturen zu einem bösen Erwachen kommen.

Im jüngsten Skandal, aufgedeckt von "Stern-TV", sind Banner eines großen Unternehmens auf einer ominösen Privatanbieterseite erschienen. Das schreckliche Umfeld: Kinderpronographie. Nach Horizont-Recherchen sind von Vorgängen dieser Art in jüngster Vergangenheit die Postbank, die Deutsche Bank 24 sowie Volkswagen betroffen. Bei den ebenfalls ahnungslosen Mediagenturen handelt es sich im Fall der Postbank um Interactive Quality (IQ), in den beiden anderen Fällen um Mediacom.

Alexander Schmidt-Vogel, CEO Mediacom Europe, sagte zu den Vorwürfen: "Ich bin über alle Maßen bestürzt und verärgert, dass einer unserer Lieferanten im Bereich Online-Platzierung (es handelt sich hier um eine Websitegemeinschaft) sowohl von unseren Platzierungsvorgaben abgewichen ist, als auch die uns grundsätzlich abgegebenen Platzierungsgarantien (keinerlei unethische Umfelder) gebrochen hat. Ich werde zusammen mit dem bei Mediacom zuständigen Online-Geschäftsführer alle Konsequenzen bis hin zu einem Ausschluß ziehen."

Die zum Düsseldorfer Mediahaus Ströbel gehörende IQ ist bereits ihrerseits in die Offensive gegangen und will einen Round-Table mit Verantwortlichen aus allen betroffenen Bereichen einberufen. Der generelle Vorwurf an die Vermarkter lautet Buchungen von Werbeplätzen auf frequentierten aber nicht in die gebuchte Kombination gehörende Websites, um so die zuvor garantierten Zugriffe auf den Banner überhaupt realisieren zu können. Und dies ohne jegliche Information an die auftraggebende Mediaagentur beziehungsweise den Werbekunden.

Matthias Kurwig, Chef von Interactive Quality, prangert das eigenmächtige und eindeutig vertragswidrige Verfahren seines Vermarktungspartners an: Möglicherweise sind Gier nach Ad-Impressions um jeden Preis und Profitstreben vorrangig. Die zu den führenden Internet-Agenturen gehörende IQ, die unter anderem bereits 1997 ein eigenes Ad-Server-System entwickelt und eingesetzt hat, will mit dem Round-Table erreichen, dass ein Regelwerk und technische Lösungen zur Kontrolle der vermarkteten Online-Werbeflächen erarbeitet werden.

Matthias Kurwig: "Werbetreibende Kunden haben ein Recht auf das von ihnen gewünschte und bestellte redaktionelle Umfeld. Es kann nicht angehen, dass Online-Vermarkter in Kauf nehmen, dass Werbebanner namhafte Unternehmen auch auf Websites mit kinderpornographischen Inhalten erscheinen können." Die engagierte Vorgehensweise Kurwigs kann eines allerdings nicht mehr retten: Der Etat wurde von der Postbank sofort gekündigt. Die ihrerseits entsetzte Bank will massiv gegen den Provider, der in der Schweiz sitzt, vorgehen. "Wir haben Schadensersatz-Klage gestellt", erklärt ein Sprecher. "Dies ist alles ein verabscheuungswürdiger Vorgang."

Alexander Felsenberg, Vizepräsident des DMMV, ereilte die Nachricht überraschend. In der Vergangenheit seien dies bezüglich noch keine Beschwerden beim DMMV eingegangen. Man dürfe aber keine voreiligen Schlüsse ziehen. "Der Vorgang, wie die Banner auf die betreffenden Sites gekommen sind, muß jetzt genau geprüft werden."
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