"Pirat Zuckerberg": Ist Facebook böse?

Donnerstag, 24. Mai 2012
Milliardenschwerer "Pirat": Mark Zuckerberg
Milliardenschwerer "Pirat": Mark Zuckerberg

Seit dem Börsengang geht nicht nur der Kurs der Facebook-Aktien nach unten, sondern auch das Image des Konzerns. Doch wer jetzt so tut, als hätte Facebook erst am 18. Mai sein wahres Gesicht gezeigt, beweist eine romantische Vorstellung von den Geschäftsstrategien der globalen Internet-Konzerne. Ist Geld gut oder schlecht? Vergegenwärtigt man sich die Kommentare und Analysen zu Facebooks Börsengang und der anschließenden Kursentwicklung, hat man das Gefühl, romantische Antikapitalismus-Kritik feiert ein wortgewaltiges Comeback. Tenor: Wenig Geld ist gut, viel Geld ist schlecht (es sei denn, man hat es mit Warren Buffet zu tun, der die Hälfte seines vielen bösen Geldes „wäscht", in er es in wohltätige Projekte reinvestiert).

In der „SZ" hat Hans-Jürgen Jakobs heute unter der Überschrift „Pirat Zuckerberg" einen bemerkenswerten Kommentar über Facebook und seinen Gründer Mark Zuckerberg geschrieben. Der Artikel entzaubert den Facebook-Chef als „Spekulant", dem es nur um Reibach geht. Jakobs über Zuckerbergs „Abkassiermodell": „Der Fall Facebook bestätigt das Schlimmste am Finanzkapitalismus." Das ist wohl war. Verblüffend ist aber auch Jakobs' Überraschung darüber,  dass die Zuckerberg-Masche - „ein wenig anarchisch und piratenhaft" (Jakobs) - nichts weiter ist  - als eine Masche.

Der Facebook-Gründer ist von Aussehen und Habitus vielleicht der Traum aller Schwiegermütter und die Inkarnation des Gutmensch-Piraten. Er ist aber vor allen Dingen der Chef eines Unternehmens, das mit Banken und Investoren im Hintergrund und ausgestattet mit viel Know-how und kaltem strategischen Kalkül innerhalb weniger Jahre zu einer Internet-Großmacht geworden ist.  Der Börsengang war jedenfalls nicht der Urknall, der die harmlose Social-Media-Plattform Facebook zum bösen Großkonzern hat werden lassen.

Man kann jammern und verdammen, aber Fakt ist: Das Netz tendiert, allem Longtail zum Trotz, zum Monopol. Die „Big Four" beherrschen das Internet. Und auch der Facebook-Aufstieg folgt einer Logik, die für die anderen Unternehmen der „Big Four"-Reihe gilt. Erstens und ganz entscheidend: Amazon, Apple, Facebook und Google machen Menschen mit einem Produkt oder einer Dienstleistung so glücklich, dass der Nutzwert und der persönliche Gewinn mögliche Nachteile (Datenschutz, Privatsphäre, Kosten) überwiegt. „Böse sein" suggeriert, der Erfolg der Big Four beruhe auf einem Konzept der Manipulation. Das Gegenteil ist der Fall: Freiwilligkeit ist das Grundprinzip, das Nutzer und Investoren gleichermaßen begeistert. Erfolgsfaktor Nummer zwei: Die Gründer und/oder CEOs der Big Four waren/sind so geniale wie machtbewußte Unternehmer. Drittens: Eine Heerschar von Beratern, Venture-Capital-Geldgebern und Banken haben geholfen, aus den Startups globale Konzerne zu schmieden. Viertens: Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen und zumindest zum Firmenstart Beteiligung am ökonomischen Erfolg des Unternehmens. Fünftens: Eine unternehmerische Vision, die die Börsenphantasie bei institutionellen wie privaten Anlegern weckt und am Leben hält.

Kein Mensch muss Bücher, Stausauger oder Lebensmittel über Amazon ordern. Wir alle tun es. Niemand wird gezwungen, bei Apples iTunes 99 Cent für überteuerte komprimierte Musiktitel zu überweisen. Doch iTunes hat die Musikindustrie revolutioniert und ist eines der wenigen Beispiele für gelungenen Paid Content. In Sachen Facebook kann man es halten wie „Stern"-Chefredaktionsmitglied Hans-Ulrich „Raus aus Facebook" Jörges  und sich Mark Zuckerberg verweigern (doch geichzeitig publiziert Stern.de mit einem Social Reader Inhalte auf Facebook). Kein Mensch gezwungen, die Google-Suche zu nutzen. Kein Verleger wird genötigt, seine von den Google-Scrawlern absuchen lassen. Aber man - heißt inzwischen Milliarden Menschen und Unternehmen - macht es. Warum? Weil die Google-Suchmaschine in Millisekundenschnelle die Antwort auf die Fragen der Menschen findet.

Dies erklärt unter anderem auch, warum ausgerechnet die freiheitsliebenden, basisdemokratischen Piraten von der PR und dem Image der Big Four haben einlullen lassen und in den Debatten zu Urheberrecht, Datenschutz, Privatsphäre, Netzfreiheit etc. vor allen Dingen auf den Internet-Mittelstand - Medien- Musik- und Film-Industrie - draufhauen.

„Don't be evil", sei nicht böse, lautet das Corporate-Motto von Google. Ist ein Großkonzern automatisch böse? Umgekehrt: Kann ein Unternehmen ein Großkonzern sein und gleichzeitig nicht „böse"? Wegen Google Streetview hätte es in den 80er-Jahren - 1987 war das Jahr der Volkszählung in Deutschland - Straßenschlachten und Occupy en masse gegeben. Heute ist es normal, sein Urlaubsziel vorher auf Erholungstauglichkeit via  Google zu checken.  Ist Google böse, weil der Konzern damit Milliarden Dollar verdient? Apple, die derzeit wertvollste Marke der Welt, hat nicht nur einen Industriezweig, sondern gleich mehrere revolutioniert: Computer, Musik, Telefon und Medien. Der Konzern verdient großartig - mit überteuerten Musikdateien, brilliant designten Computern und Tablets sowie einem nutzerfreundlichen iPhone. Ist Apple deshalb böse? Das Unternehmen ist in jedem Fall eine knallhart agierende Marketingmaschine, die selbst Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner vor Begeisterung in die Knie gezwungen hat.  Und Facebook? Sicher: Der Facebook-Börsengang ist ein Paradebeispiel für „organisierte Gier", wie Hans-Jürgen Jakobs konstatiert. Aber gierig war nicht nur Mark Zuckerberg. Und pure Menschenfreundlichkeit war noch nie der Antrieb von Unternehmen, kann es auch gar nicht sein.

Man kann Unternehmen verdammen, weil sie erfolgreich sind. Man kann sich aber auch fragen, warum es europäische und/oder deutsche Unternehmen nicht geschafft haben, den US-Unternehmen Paroli zu bieten. Sind wir nicht böse genug? vs

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