"Paid Content wird sich etablieren": WSJ.de-Chef Knut Engelmann im Interview

Freitag, 11. Januar 2013
"Haben unseren Platz gefunden": Knut Engelmann, Chefredakteur von WSJ.de
"Haben unseren Platz gefunden": Knut Engelmann, Chefredakteur von WSJ.de


The Wall Street Journal Deutschland wird ein Jahr alt - und hat durchaus Grund zum Feiern. Während viele andere Medien mit sinkenden Umsätzen kämpfen, ist das deutschsprachige Portal der Wirtschaftszeitung auf Wachstumskurs und hat im vergangenen Jahr sogar neue Mitarbeiter eingestellt. Im Interview mit HORIZONT.NET zieht Chefredakteur Knut Engelmann Bilanz und spricht über die Herausforderungen für Wirtschaftsjournalismus, die Lehren aus dem Ende der "Financial Times Deutschland", Paid Content und die weiteren Pläne von WSJ.de.

"Paid Content wird sich auch in Deutschland etablieren"

In diesen Tagen wird The Wall Street Journal Deutschland ein Jahr alt. Wie fällt Ihre Bilanz zum ersten Jahrestag aus?
Wenn ich das vergangene Jahr Revue passieren lasse, kann ich sagen, dass wir unheimlich viel erreicht haben. Wir haben unsere Ziele in einem bekanntermaßen sehr schwierigen Jahr erreicht und ich glaube, dass wir unseren Platz im deutschen Markt gefunden haben. Es gibt einen klaren Bedarf und eine Nachfrage nach der Art von Journalismus, wie ihn The Wall Street Journal Deutschland bietet. Uns hat sehr geholfen, dass wir mit einer starken Marke im Rücken angetreten sind. Auch das Bezahlmodell, auf das wir von Anfang an gesetzt haben, hat sich bewährt. Wir haben unheimlich hart gearbeitet, viel gelernt, viel Spaß gehabt und können nach einem Jahr sagen: Es hat sich gelohnt. Wir sind im Markt angekommen.

Sie setzen im Gegensatz zu den meisten anderen Wirtschaftsmedien stark auf eine internationale Perspektive. Hat sich die inhaltliche Ausrichtung bewährt?
Das Konzept hat sich auf jeden Fall bewährt. 2012 war von der Nachrichtenlage her ein sehr bewegtes Jahr. Ob es die Euro-Krise war, die US-Präsidentschaftswahl, Sandy oder im Tech-Bereich die Nachfolge von Steve Jobs bei Apple oder der Börsengang von Facebook: Das waren alles Themen, bei denen wir mit unserer starken internationalen Präsenz und Vernetzung unheimlich punkten konnten – gerade im Vergleich mit nationalen Angeboten. Das ist das Pfund mit dem wir wuchern können, das ist unser Alleinstellungsmerkmal. Daher hat sich die konsequente Fokussierung auf eine internationale Perspektive für uns auch ausgezahlt.

Zusätzlich haben wir aber auch die Berichterstattung aus dem deutschsprachigen Raum stark ausgebaut. Wir haben sogar zusätzliche Mitarbeiter eingestellt. Wer kann das in diesem Marktumfeld schon von sich sagen?

Wie groß ist die Redaktion von Wall Street Journal Deutschland aktuell?
Das Kernteam, das den täglichen Auftritt von Frankfurt aus produziert, umfasst rund ein Dutzend Mitarbeiter. Wenn es um deutschsprachige Inhalte geht, greifen wir auf das deutsche Team von Dow Jones Newswires mit über 40 Mitarbeitern zurück. Insgesamt sind also rund 55 Mitarbeiter für wsj.de allein in Deutschland tätig. Das internationale Netzwerk von Dow Jones und dem Wall Street Journal umfasst noch einmal mehr als 2000 Mitarbeiter.

Die deutsche Website ist aber rein deutschsprachig?
Ja, die Inhalte der deutschen Website sind durchweg deutschsprachig. Abonnenten haben aber natürlich Zugriff auf die globalen Inhalte von WSJ.com. Das heißt, wenn Sie wollen, können Sie auch Nachrichten auf Chinesisch, Japanisch, oder in Zukunft auch in Türkisch lesen. Das gesamte Produkt ist sehr international angelegt und passt damit perfekt zu unserer Zielgruppe, die sich in einem internationalen Umfeld bewegt.

Werden Nachrichten aus dem internationalen Netzwerk für die deutsche Website übersetzt?
Sie werden teilweise übersetzt, aber mit einer reinen Übersetzung ist es natürlich in den seltensten Fällen getan. Der angelsächsische Stil des Schreibens und der Reportage ist doch etwas anders. Hier sitzen ausschließlich erfahrene Journalisten, die die Inhalte dann entsprechend für unser Portal aufbereiten.

Wann werden die ersten Nutzerzahlen von Wall Street Journal Deutschland veröffentlicht?
Wir bereiten die Erfassung durch die IVW derzeit vor. Ich gehe davon aus, dass wir in etwa zwei Monaten so weit sind, dass wir die ersten IVW-Zahlen vorlegen können. Konkrete Zahlen kann ich daher zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht nennen. Wir sind mit den Zugriffen auf jeden Fall sehr zufrieden und haben eine gute Basis für das zweite Jahr gelegt.


Das Jahr 2012 endete für die Wirtschaftsmedien mit einer Hiobsbotschaft, der Einstellung der "Financial Times Deutschland". Können Sie vom Ende der FTD und des Online-Portals womöglich profitieren?
Die FTD war durch ihren Hintergrund ja auch ein wenig internationaler ausgerichtet, auch wenn die nationale Perspektive zuletzt eher im Vordergrund stand. Wir haben uns daher mit einem konkreten Angebot an die Leser der FTD gewandt. Wer guten, hochqualitativen Wirtschaftsjournalismus mit einer internationalen Perspektive haben will, hat im deutschen Markt ja nicht wahnsinnig viele Alternativen. Wir haben in den vergangenen Wochen durchaus einen vermehrten Zuspruch gespürt.

Gab es Kritik an der gezielten Ansprache von Lesern bzw. Nutzern der "Financial Times Deutschland"?
Nein. Ich wüsste auch nicht, was daran zu kritisieren wäre. Wir haben das in einer sehr zurückhaltenden Art und Weise getan. Weder wir als Branche noch die Leser können über das Ende der FTD glücklich sein, ganz unabhängig von der Frage, ob man in einem Konkurrenzverhältnis gestanden hat oder nicht. Es zeigt, wie schwierig dieser Markt ist und wie schwierig es ist, guten Journalismus in diesem Markt profitabel zu betreiben. Es zeigt aber auch, wie wichtig es ist, über tragfähige digitale Modelle nachzudenken. Wir haben den Vorteil, dass wir von Anfang an auf ein Bezahlmodell gesetzt haben, wie wir es weltweit erfolgreich tun. Ich glaube, dass sich Paid Content auch hier etablieren wird. Der Trend zu Bezahlmodellen ist unumkehrbar.

Insofern waren Sie hierzulande ja durchaus ein Vorreiter. Wie viele registrierte Nutzer hat The Wall Street Journal Deutschland?
Auch hier nennen wir noch keine konkreten Zahlen. Für uns ist entscheidend, dass die Zahl der Abonnenten wächst, gerade auch im Bereich der Firmenkunden. Wir sind ein Medium, das über den ganzen Tag hinweg genutzt wird. Unsere Seite kann man im Büro auch guten Gewissens offen haben, wenn einem der Chef mal über die Schulter schaut. Wir wollen ein Entscheidermedium sein, das den Leuten bei ihrem Tagesgeschäft hilft und Entscheidungsgrundlagen liefert. Das Wall Street Journal ist somit auch ein Tool, das den Lesern letztendlich hilft, Geld zu verdienen. Und für so ein Tool muss man auch Geld bezahlen. Unser Modell kann auf Dauer natürlich nur funktionieren, wenn wir so gut sind, dass die Nutzer bereit sind, dies zu tun.

Wie sehen die Pläne für 2013 aus?
Das Wichtigste für uns ist, dass wir auf das in 2012 Erreichte aufbauen und unser Angebot weiter ausbauen und verstärken wollen. Das erste Jahr ist wahnsinnig schnell vorübergegangen und es herrscht hier immer noch eine gewisse Start-up-Atmosphäre. Nun wollen wir unsere Stärken konsequent weiterentwickeln. Wir sind im deutschen Markt angekommen, und wir bleiben auch da. Daher bin ich für 2013 sehr guten Mutes. dh
Meist gelesen
stats