Offiziell: "Spiegel"-Chefredakteure Mascolo und Müller von Blumencron ab sofort beurlaubt

Dienstag, 09. April 2013
Ab sofort beurlaubt: Georg Mascolo (r.) und Mathias Müller von Blumencron
Ab sofort beurlaubt: Georg Mascolo (r.) und Mathias Müller von Blumencron

Jetzt ging es auf einmal doch ganz schnell: Nach den Gerüchten vom Wochenende hat der Spiegel-Verlag am Dienstagmittag bestätigt, dass die beiden Chefredakteure Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron das Magazin verlassen werden. Die Trennung erfolge "wegen unterschiedlicher Auffassungen zur strategischen Ausrichtung". Eine so schnelle Reaktion hätte man dem Dickschiff "Spiegel" mit seiner komplexen Gesellschafterstruktur - der Verlag gehört zu 50,5 Prozent der Mitarbeiter-KG und zu 25,5 Prozent Gruner + Jahr - gar nicht zugetraut. Nur zwei Tage nachdem am Wochenende die Spekulationen über eine bevorstehende Ablösung von Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron ins Kraut schossen, sind die beiden zerstrittenen Chefredakteure des "Spiegel" schon nicht mehr in Amt und Würden.

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Wie der Spiegel-Verlag mitteilt, wurden Mascolo, 48, und Müller von Blumencron, 52, mit sofortiger Wirkung abberufen und beurlaubt. Über die Nachfolge soll bereits in Kürze entschieden werden. Dabei spricht alles für eine One-Man-Show. Von der Doppelspitze, die 2008 nach der Ära Stefan Aust eingeführt wurde, dürfte sich das Magazin nach den jahrelangen Konflikten zwischen dem Print-Mann Mascolo und dem Onliner Müller von Blumencron wohl endgültig verabschieden. Der Umstand, dass Mascolo - seit Februar 2011 ausschließlich für den gedruckten "Spiegel" verantwortlich - und der für sämtliche digitalen Angebote zuständige Müller von Blumencron auf keinen gemeinsamen Nenner kamen, führte zu einem Kampf zweier Linien, der das Nachrichtenmagazin zuletzt massiv lähmte. Darunter litt auch die Auflage: Im 4. Quartal 2012 war der "Spiegel" beim Gesamtverkauf erstmals unter die Marke von 900.000 Exemplaren gerutscht (siehe Chart oben).

Der künftige Chefredakteur braucht für seinen Job ein starkes Rückgrat: Ihm fällt die Aufgabe zu, eine zukunftsfähige Gesamtstrategie für den "Spiegel" zu entwickeln - und zwar über alle Kanäle. Im zweiten Schritt muss er diese Strategie bei allen Beteiligten - dem Verlag, den Gesellschaftern und nicht zuletzt der Redaktion - durchboxen. Dass bei einem solchem Umbau auch organisatorische und strukturelle Veränderungen von Nöten sind, hat der "Stern" gerade erst vorgemacht.

Bis zur Berufung des künftigen Chefredakteurs - als Kandidaten werden wie berichtet unter anderem Jakob Augstein, Gabor Steingart ("Handelsblatt"), Heribert Prantl ("Süddeutsche Zeitung") und Ulrich Reitz ("Westdeutsche Allgemeine Zeitung") gehandelt - werden die beiden stellvertretenden Chefredakteure, Klaus Brinkbäumer und Martin Doerry, das Ruder übernehmen. Spiegel-Online-Chef Rüdiger Ditz soll das Nachrichtenangebot im Internet verantworten.

Spiegel-Verlagsgeschäftsführer Ove Saffe (Foto: Olaf Ballnus)
Spiegel-Verlagsgeschäftsführer Ove Saffe (Foto: Olaf Ballnus)
Die Abschiedsworte von Ove Saffe, Geschäftsführer des Spiegel-Verlags, legen den Schluss nahe, dass nicht das journalistische Können, sondern der vielfach beschriebene Grabenkampf zwischen Mascolo und Müller von Blumencron den Ausschlag für die Trennung gegeben hat. "Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron sind zwei exzellente Journalisten, die in den vergangenen Jahren und in verschiedenen Funktionen innerhalb des Hauses Kreativität und Führungsstärke bewiesen haben", so Saffe. Als Chefredakteure hätten sie "maßgeblich dazu beigetragen, den Spiegel als ein weltweit beachtetes kritisches Magazin und Spiegel Online als führendes journalistisches Angebot im deutschsprachigen Internet zu positionieren und weiterzuentwickeln". mas
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