Offener Brief an Michael Naumann: "Auf gute Gesundheit, Ihr Bodo Hombach"

Freitag, 04. Juni 2010
"Intellektueller Engpass": WAZ-Chef Bodo Hombach
"Intellektueller Engpass": WAZ-Chef Bodo Hombach

WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach und der neue Cicero-Chefredakteur Michael Naumann werden wohl keine Freunde mehr: Nach der Spitze von Naumann gegen den WAZ-Chef antwortet der nun mit einem gepfefferten offenen Brief. Im Interview mit HORIZONT (Ausgabe 21/2010) hatte Naumann Verleger Dirk Ippen gelobt ("Der Mann hat eindeutig Zeitungen gerettet!"), um in nächsten Atemzug dem WAZ-Chef einen kleinen Tritt vors Schienbein zu verpassen: "Bodo Hombach singt ja gerne das Hohelied des Qualitätsjournalismus und betont die Notwendigkeit eines guten Feuilletons. Man hört sich das an, aber wenn man dann die 'WAZ' aufschlägt, fragt man sich: Ja wo ist es denn nun, das tolle Feuilleton?" Hombach fand das Zitat wohl nicht besonders witzig. Der offene Brief im Wortlaut: "Sehr geehrter Herr Naumann,

Sie vermissen in der "WAZ" ein Feuilleton. Ich sehe Sie ungern leiden und freue mich, so rasch und einfach helfen zu können: Bei uns heißt diese Rubrik "Kultur", und sie ist seit undenklichen Zeiten selbstverständlicher Bestandteil der Zeitung. Es würde Mühe machen, wichtige Themen, Ereignisse, Neuerscheinungen, Inszenierungen oder Persönlichkeiten ausfindig zu machen, die hier nicht "zu Wort" gekommen wären. Und dieser Teil wird sogar, aber das macht ihn vielleicht wieder verdächtig, von den Lesern eifrig genutzt und kommentiert.

Schwieriger wird es bei Ihrer faktenfreien Andeutung, im edlen Wettbewerb um das Retten von Zeitungen müssten sich die WAZ-Gruppe und ich vor dem allseits geschätzten Dr. Dirk Ippen und seiner Verlagspolitik verstecken. Da diagnostiziere ich einen intellektuellen Engpass und empfehle eine Ballon-Dilatation, wenn nicht gar einen Bypass. Zeitungen retten wir nämlich schon lange. "NRZ", "Westfälische Rundschau" und "Westfalenpost" würden kaum, die beiden Letzteren gewiss nicht mehr existieren, wenn sie nicht der WAZ-Gruppe beigetreten wären. Nur durch Querfinanzierung in der  Großfamilie können sie sich über Wasser halten. Hinzu kommt unser Engagement auf dem Balkan, wo es nicht nur um Geld und Facilities geht, sondern vor allem um den Aufbau einer freien Presse, übrigens bei wachsendem Gegendruck der Machthaber, die sich die Demokratie so nicht vorgestellt haben.

Die Zeiten sind hart, und die Zeitungen steuern durch schweres Gewässer. Darin sind wir uns sicher einig. Bevor man aber seinen Phantomschmerzen glaubt, sollte man zur Vorsorgeuntersuchung gehen. Vielleicht hilft schon der Tastbefund, auf keinen Fall aber sollte man die Laborwerte ignorieren.

Auf gute Gesundheit
Ihr Bodo Hombach"
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