Nannen-Preise an "Zeit", "FTD", "Handelsblatt" und Lokalzeitungen / "Spiegel" und "SZ" gehen leer aus

Montag, 29. April 2013
Julia Jäkel im Kreis der "Stern"-Chefredakteure
Julia Jäkel im Kreis der "Stern"-Chefredakteure


Wenn das nicht mal ein gewichtiges, gespanntes und spannendes Publikum ist: Bertelsmann-Matriarchin Liz Mohn, die Familien Jahr und Nannen, Bundestagspräsident Norbert Lammert, die CEOs von Gruner + Jahr der vergangenen 30 Jahre, Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner - und weitere rund 1.200 Gäste aus Medien, Kultur, Politik und Wirtschaft. Vor diesem honorigen Auditorium hatte Julia Jäkel am Freitagabend ihren ersten Auftritt als G+J-Vorstandsvorsitzende auf großer Bühne: bei der Verleihung der Henri-Nannen-Preise. Dabei spart sie die aktuelle Lage am Baumwall nicht aus: "Es stürmt auf allen Etagen." Jäkels Begrüßungsrede dreht sich um "Stern"-Gründer Henri Nannen (1913-1996), der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. 1977 hatte er den Kisch-Reportagepreis aus der Taufe gehoben; 2005 hat G+J weitere Kategorien hinzugefügt und unter dem Namen "Henri Nannen Preis" den Veranstaltungsrahmen vergrößert.

"Die Kunst, die er so gut beherrschte, besteht darin, sich selbst treu zu bleiben und sich trotzdem ständig zu erneuern", erinnert Jäkel an Nannen. Und genau dieser Balanceakt sei heute wichtiger denn je. "Ich sage ganz bewusst: Er entscheidet über die Zukunft unserer Branche", so die neue Vorstandsvorsitzende. Man wolle und werde an den journalistischen Werten festhalten, andererseits müssten sich Verleger, Verlagsmanager und Journalisten in Zeiten der Digitalisierung "völlig neu erdenken".

G+J wolle das "Haus der Inhalte" sein, das auch in der digitalen Welt erfolgreich ist. Zugleich gelte: Print soll eine der wichtigen Säulen bleiben ("Wir glauben an die Kraft von Zeitschriften!"). Am Baumwall herrsche Aufbruchstimmung, es wehe ein frischer Wind. "Ich würde fast sagen: bei uns stürmt es auf allen Etagen." Man befinde sich wohl "im größten Transformationsprozess unserer Geschichte": "Das ist nicht immer Zuckerschlecken, aber es macht auch Spaß."

Apropos kein Zuckerschlecken: Ein markantes Zeichen setzt die hochkarätige unabhängige Jury (nur zwei der 16 Hauptjuroren kommen von G+J) mit dem Sonderpreis für die Ende 2012 von G+J eingestellte "Financial Times Deutschland", konkret für ihre letzte Ausgabe ("Final Times"). Der Einspielerfilm zeigt die damaligen Tränen der Redaktion - und die G+J-Gesellschafter Liz Mohn und die Jahr-Familie sowie Jäkel, die den Gesellschafterbeschluss mit offenem Visier exekutiert hatte, sehen jetzt in der 1. Reihe zu, groß gefilmt von der Saalkamera. Bemerkenswert klingt das Jurylob für das letzte Cover ("Endlich schwarz") und für das Foto auf der allerletzten Seite: die Verbeugung der Redaktion vor den Gesellschaftern, "mit einer wunderbaren Entschuldigung für die verbrannten Millionen". Die letzte Ausgabe der "FTD" sei nicht von Larmoyanz und Bitterkeit getragen, sondern von Größe, kluger Selbstreflexion und einem Witz, der der Redaktion in solch einer Situation schwer gefallen sein muss, heißt es zur Begründung: "Die ,FTD' war sich selten selbst so nah wie in diesem ihrem letzten Augenblick - ein Meisterstück des gedruckten Journalismus."

Und sonst? Eine Preisverleihung im Bühnenkomplex "Kampnagel" in Hamburg (die Stammstätte Schauspielhaus fiel in diesem Jahr wegen Renovierungsarbeiten aus) ohne die PR-trächtigen Eklats mancher Vorjahre, aber auch ohne die ganz großen Höhepunkte, dafür mit ein paar Längen und Albernheiten, insgesamt würdig und witzig moderiert von Jörg Thadeusz und der neuen "Tagesschau"-Sprecherin Linda Zervakis. Und die Aftershow-Party vibrierte standesgemäß bis in die frühen Morgenstunden, stürmische Zeiten hin oder her.

Auch TV-Star Thomas Gottschalk hatte zuvor seinen Auftritt - als am liebsten in eigener Sache kalauernder Laudator. Dafür schwänzt er sogar den Geburtstag seiner Ehefrau: "Thea, ich wollte dieses Jahr wirklich mal zu Hause sein." Doch dann sei das Angebot gekommen, beim Nannen-Preis die Lobrede auf das Lebenswerk der Publizistin Anneliese Friedmann zu halten. "Da bin ich gewiss nicht als Erster gefragt worden. Ich kann Ihnen versichern, dass man es ganz bestimmt erst mal woanders versucht hat." Bayern-München-Präsident Uli Hoeneß etwa sei doch vor kurzem noch eine gute Idee gewesen, frotzelt der Entertainer.

Doch im Mittelpunkt stehen an diesem Abend tatsächlich die Publizisten und ihre ausgezeichneten Arbeiten - so sollte es sein bei den wichtigsten Journalistenpreisen im Lande (800 Arbeiten hatten sich darum beworben), die G+J und sein "Stern" nun zum 9. Mal für Bestleistungen im deutschsprachigen Print- und Onlinejournalismus verleihen. Zwei regelmäßige Abräumer der vergangenen Jahre - "Spiegel" und "SZ" - gehen diesmal komplett leer aus. Stattdessen gewinnen ...

Reportage: Heike Faller ("Zeit Magazin") für ihr Stück über den Kampf eines Pädophilen gegen seine Neigungen und seine Angst, sich seiner Familie zu offenbaren.

Dokumentation: Sönke Iwersen und Fabian Gartmann ("Handelsblatt") für ihre Geschichte über den Aufstieg und Fall von Anton Schlecker und seiner Drogeriekette.

Investigative Leistung: Wolfgang Kaes ("Bonner General-Anzeiger") für seine Einzelkämpfer-Recherchen über das Verschwinden einer Frau, die nach Jahren für tot erklärt werden sollte. Kaes zwang mit seiner Arbeit die Behörden dazu, die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Es stellte sich dann heraus, dass die Vermisste von ihrem Mann ermordet worden war.

Essay: Bernd Ulrich ("Zeit") für seine Reise nach Berlin und Auschwitz, nach Tel Aviv und Jerusalem und seine niedergeschriebenen Gedanken darüber, was sich in der Gesellschaft gerade ändert und was bleibt beim Erinnern an den Holocaust.

Fotoreportage: Sandra Hoyn (emerge-mag.com) für ihre Bilder von Kinder-Boxkämpfen in Thailand.

Einsatz für die Pressefreiheit: René Wappler ("Lausitzer Rundschau", Lokalredaktion Spremberg) für seine Recherchen und seine Berichterstattung über die rechte Szene in seiner Heimat, trotz massiver Einschüchterungsversuche.

Sonderpreis: "FTD" (siehe oben)

Lebenswerk: Anneliese Friedmann, 85. Sie hat unter dem Pseudonym "Sibylle" erst in der Münchner "Abendzeitung" Mode- und Lifestyle- und ab 1960 dann im "Stern" Politik- und Gesellschaftskolumnen geschrieben. Als ihr Mann Werner Friedmann 1969 starb, übernahm sie die Leitung der "Abendzeitung", ist dort bis heute Herausgeberin und engagiert sich sozial und kulturell. rp

Die Preisträger des Henri-Nannen-Preis 2013
Die Preisträger des Henri-Nannen-Preis 2013
Meist gelesen
stats