NSU-Prozess: ARD bietet türkischem Rundfunk Reporterplatz an

Donnerstag, 28. März 2013
ARD-Chefredakteur Thomas Baumann appelliert an das Oberlandesgericht München (Bild: ARD)
ARD-Chefredakteur Thomas Baumann appelliert an das Oberlandesgericht München (Bild: ARD)


Die ARD hat sich bereit erklärt, dem türkischen Rundfunk einen ihrer Reporterplätze beim NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht in München anzubieten. Das Gericht war mit seiner Entscheidung in die Kritik geraten, kein türkisches Medium für den Prozess zu akkreditieren. Ob das Angebot der ARD auch angenommen wird, ist allerdings fraglich. Acht von zehn Opfern der rechtsradikalen Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) waren türkischer Herkunft - in der Türkei ist der Prozess gegen NSU-Mitglied Beate Zschäpe und vier mutmaßliche Helfershelfer deshalb von höchstem Interesse. Das Oberlandesgericht in München hat jedoch keinem türkischen Medium Zugang zum Prozess gewährt. Begründung: Die Akkreditierungen seien streng nach Reihenfolge des Eingangs vergeben worden. Daran wolle man nun auch nicht mehr rütteln.

Die ARD bietet daher einen der ihr zugewiesenen Reporterplätze dem türkischen Rundfunksender TRT an, damit dessen Journalisten "dauerhaft die Möglichkeit bekommen, authentisch vom Prozessgeschehen zu berichten", erklärten die Vorsitzende der AG Information, NDR-Hörfunk-Chefredakteurin Claudia Spiewak und der ARD-Chefredakteur Fernsehen Thomas Baumann. Gleichzeitig appelliert die ARD an das Gericht, eine möglichst ausgedehnte Vor-Ort-Berichterstattung zu ermöglichen, etwa durch Bild- oder Tonübertragungen aus dem Gerichtssaal. Das OLG hatte entsprechenden Überlegungen bisher eine Absage erteilt und auf rechtliche Hürden verwiesen.

Ob das Gericht auf das Angebot der ARD zum Platztausch mit TRT eingeht, ist überaus fraglich. Die "Bild" war bereits mit einem ähnlichen Vorstoß abgeblitzt - die Boulevardzeitung hatte ihren Platz der türkischen Zeitung "Hürriyet" angeboten. Dass wenig Anlass zum Optimismus bestehe, dessen sei man sich bewusst, erklärt eine ARD-Sprecherin auf Nachfrage. Man wolle aber demonstrieren, dass es sich um ein ernst gemeintes Angebot handele.

Die Akkreditierungspraxis des OLG München hat auch die Politik auf den Plan gerufen: Martin Schäfer, Sprecher des Auswärtigen Amts, mahnte aufgrund des überragenden Interesses der türkischen Öffentichkeit einen Zugang für türkische Medien an. Ähnlich, wenn auch etwas zurückhaltender, äußerte sich laut "Spiegel Online" Regierungssprecher Steffen Seibert: "Die Hoffnung muss sein, dass mit diesem Medieninteresse auch sensibel umgegangen wird." ire
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