Musikindustrie hält wenig von neuen Viva-Plänen

Freitag, 23. Februar 2001

In Köln rauchen derzeit die Köpfe. Viva-Chef Dieter Gorny und sein Programmchef Stefan Kauertz renovieren die Musiksender Viva und Viva Zwei. Kauertz will aus Viva ein "musikalisches Vollprogramm" basteln: "Es wird ein Gesamtkonzept mit eigener Philisophie", sagt Kauertz zu HORIZONT.NET.

Die Zukunft von Viva Zwei steht in den Sternen. Die Gründe sind eindeutig: Durch das Auslandswachstum von Viva Media müssen die Manager aufgrund der entstehenden Content-Kosten an Synergieeffekten arbeiten. Und Viva Zwei hat einerseits seine Aufgabe zur Abwehr von Viacoms VH-1 erledigt, andererseits hat der Nischensender das Ergebnis der Viva-Gruppe mit schätzungsweise 8 Millionen Mark belastet.

Eine langfristige Tilgung der Verluste kann sich Gorny schon allein mit Blick auf den niedrigen Börsenkurs nicht leisten. Was aus der Marke Viva Zwei wird, ist laut Dieter Gorny "noch unklar". Es ist anzunehmen, dass das Ergebnis erst im Herbst auf den Bildschirmen zu sehen sein wird. Laut Kauertz soll das derzeitige Viva Zwei zwar ein Viva-Jugendkanal bleiben, aber nicht als reiner Musikkanal positioniert werden. So sind beispielsweise Spiel- und Talkshows im Gespräch.

Die Strategie hat ein Für und ein Wider. Dafür spricht die Chance, mit dem Kanal endlich die bundesweite Anerkennung der Landesmedienanstalten zu bekommen, die Viva Zwei zum Teil verwehrt wurde - was wiederum die Vermarktung erschwert hat. Dagegen spricht die neue Wettbewerbssituation. Mit einem Entertainment-Kanal kommt solch ein Kanal in das Fahrwasser der etablierten Vollprogramme. Eine Lösung dieses Spagats haben die Kölner offenbar noch nicht. Intern erneut aufflammen dürfte die Diskussion, ob die Sender nicht doch bei der GfK gemeldet werden sollen.

Zunächst will sich Programmchef Kauertz jedoch auf das aufgefrischte Viva konzentrieren. Das neue Viva will er zwar nicht "künstlich zusammenkleben". Durch neue Viva-Shows wie "Fast Forward", die noch auf Viva Zwei laufen, erhofft sich der Programmchef beider Sender wohl eine bessere Zuschauerbindung. Schließlich hat es Viva nicht leicht, in den Abendstunden gegen die Konkurrenz der Vollprogramme ausreichend Zuschauer zu binden und neue Zielgruppen zu erreichen. Mit dem Programm von Viva Zwei, das ältere Zielgruppen anpeilt, wäre dies leichter. Die Musikindustrie nimmt die neuen Pläne von Gorny mit Skepsis auf und fürchtet den Verlust von für sie wichtigen Abspielkanälen im Alternative-Bereich. "Sämtliche Rotationsumfelder bleiben bestehen", versucht Kauertz zu beschwichtigen.

Mit der Neuausrichtung verfolgt Viva eine ähnliche Strategie wie Tomorrow Internet und Kirch New Media. Diese haben ebenfalls Zentralredaktionen für bestimmte Contents eingerichtet. Vor dem Hintergrund einer weiteren Expansion und dem Start von Viva Radio im Herbst macht diese Strategie auch bei den Kölnern Sinn. Der kostspielige, aber immer noch nicht technisch optimal funtionierende Internet-Auftritt Viva.tv ist dementsprechend auch Bestandteil der Effizienz-Überlegungen. Da die Viva-Gruppe offenbar trotz ihrer Potenziale an ihre Wachstumsgrenzen stößt, muss Gorny die Schraube anziehen.

Mit Erleichterung dürfte Gorny dagegen die Wahl der neuen MTV-Zentraleuropa-Chefin Catherine Mühlemann aufgenommen haben. Das ehemalige Geschäftsführungsmitglied des Schweizer Privatsenders TV3 war offenbar sehr spät in Erwägung gezogen worden. Sie hat sich damit gegen Michael Kreissl, ehemaliger Programmchef von Viva und Viva Zwei und danach Programmchef beim Disney Channel, durchgesetzt. Es sieht so aus, als ob die Londoner MTV-Chefs das Modell Christiane zu Salm kopieren wollen. Die MTV-Chefin hat den Sender in Richtung TM3 verlassen. Zu Salm dürfte die Nachfolgerin kaum schmecken. Denn es könnte Bracheninsidern zufolge leicht der Eindruck entstehen, als ob die Londoner die erfolgreiche Arbeit zu Salms bei MTV im Nachhinein auf ein PR-Konzept reduzieren wollen. Die Strategie aus London weist darauf hin, dass die Führung des Senders wieder stärker aus Großbritannien erfolgen soll.
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