Murdochs "Daily": Was man aus dem Desaster des Tablet-Magazins lernen kann

Donnerstag, 02. August 2012
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Mit dem iPad Geld verdienen? Es hat den Anschein, dass selbst ein  Medientycoon wie Rupert Murdoch sich beim Versuch, auf Tablets umsatzträchtige neue Formen des Journalismus zu etablieren, die Zähne ausbeißt. Die Hiobs-Botschaft:  „The Daily" trennt sich von einem Drittel der Mitarbeiter und backt publizistisch deutlich kleinere Brötchen.
Die Verlegerdenke in Sachen iPad/Tablet geht gewöhnlich so: „Im Internet lässt sich Paid Content nur noch schwer realisieren, weil wir zu Beginn des WWW Content fahrlässig kostenlos aus der Hand gegeben haben. Dann schenkte uns der liebe Gott, beziehungsweise Steve Jobs, das iPad und hier machen wir von Beginn an auf Paid Content. Und das wird funktionieren."

Doch das Beispiel „The Daily" zeigt: Auch Projekte, die mit enormem publizistischen Ehrgeiz und einem großen Einsatz (Finanzen, Werbung, Know-how, Personal) gelauncht werden, können scheitern.  Als Murdochs Tablet-Zeitung im vergangenen Jahr als iPad-Magazin gelauncht wurde, waren die Erwartungen hoch, auch bei HORIZONT.NET: Ein Top-Team, viel Geld, beste Kontakte zum unbequemen Partner Apple, jede Menge Vorschußlorbeeren, ein niedriger Abopreise (40 Dollar pro Jahr) - wer, wenn nicht Rupert Murdochs News Corp sollte in der Lage sein, den Beweis anzutreten, dass Paid Content und ambitionierter Journalismus im digitalen Zeitalter Hand in Hand gehen können?

Doch die aktuellen Zahlen und die neue publizistische Marschrichtung stimmen eher pessimistisch. 50 der 170 Mitarbeiter werden entlassen. Auf Kommentare wird künftig verzichtet. Sportnachrichten werden von außen zugeliefert. Statt der erhofften Millionen Abonnenten beziehen gerade mal 100.000 Leser die digitale Tageszeitung. Satte 30 Millionen Dollar Anlaufkosten beschert „The Daily" Medienberichten zufolge dem ohnehin schwächelnden Verlagsgeschäft des Konzerns.

Sowohl Apple wie auch Murdoch bemühen sich derzeit um Schadensbegrenzung. Apple lässt  verlautbaren, dass „The Daily" im vergangenen Jahr die dritthöchsten Umsätze aller kostenpflichtigen iPad-Apps hatte. Und die News-Corp-Pressestelle verkündet: „Die Publikation wird weiter ein wichtiger Teil unseres führende Portfolios an Marken bleiben." Klingt toll, soll aber den Ernst der Lage verdecken. Die enttäuschende Entwicklung von „The Daily" passt zur Gesamtlage im Murdoch-Reich: Die „Daily"-Krise kommt nämlich wenige Wochen nach der Ankündigung, das weniger profitable Verlagsgeschäft (inklusive „The Daily") vom TV-Business zu trennen.

„Does ipad publishing have a future?" fragt International Business Times besorgt. Unsere Antwort: Ja, aber..

.Was man vom drohenden Scheitern der "multimedialen Wundertüte aus dem Hause Murdoch" lernen kann:

1. Die Kombination Paid Content und hochwertiger Journalismus ist auch bei iPad-Angeboten kein Selbstläufer. Die Paywall, selbst wenn sie mit 99 Cent pro Woche verdammt niedrig ist, schreckt mehr potenzielle Leser ab als man sich hat träumen lassen.

2. Technik und Multimedialität können das Gefühl für die richtige Story zur richtigen Zeit nicht ersetzen.

3. Die Bedeutung der „einzigartigen user experience", die im Zusammenhang mit dem iPad immer wieder aufgeführt wird, wird überschätzt. Wer sich über das Geschehen in der Welt und/oder in seinem Land informieren will, benötigt keinen Multimedia-Schnickschnack, sondern in erster Linie gut aufbereitete Informationen.

4. iPad- und Tablet-Magazine sehen sich - noch - übermächtiger Konkurrenz von Print und Webportalen gegenüber.

5. Lean back oder lean forward? Es scheint, als seien Tablets eher lean-back-Devices, ein Surfbrett, die man sich abends aufs Sofa legt, aber nicht morgens auf den Frühstückstisch. Nachrichtenjunkies verfolgen News nach wie vor am PC und via Smartphone, aber nicht auf einem Tablet. vs
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