Müller von Blumencron: "Wer den goldenen Weg verspricht, ist ein Scharlatan"

Donnerstag, 25. Oktober 2012
Rowan Barnett (l.) im Gespräch mit Mathias Müller von Blumencron
Rowan Barnett (l.) im Gespräch mit Mathias Müller von Blumencron


"Würde ich sagen, ich bin Journalist und nutze das Telefon nicht, würden mich alle auslachen. Sage ich aber, ich bin Journalist und nutze Twitter nicht, klingt das in Deutschland leider noch lange nicht so verrückt wie es klingen sollte." Die Aussage von Rowan Barnett, Market Director bei Twitter Deutschland, stieß beim Publishing-Gipfel anlässlich der Medientage München auf offene Ohren. In welcher Hinsicht auch immer. Denn wie Barnett gleich zu Beginn richtig anmerkte: Er sprach am Mittwoch vor einem Panel, das nicht besonders eifrig "zwitschert". Herausforderungen, Strategien und Lösungen zur digitalen Zukunft der Zeitungen sollten auf dem Podium besprochen werden, doch letztere zu finden ist bekanntlich das zentrale Problem der Branche. Nun also Twitter – eine Herausforderung, neben Google, Facebook und Paid-Content-Strategien, um nur einige zu nennen. Erwartungsgemäß bezeichnete Barnett "seine" Plattform, die derzeit 140 Millionen aktive Nutzer verzeichnet, von denen sich die Hälfte täglich einloggen, nicht als Konkurrenz zu den Verlagen, etwa hinsichtlich der Informationsverbreitung oder ihren Einfluss auf die politische Kommunikation. Twitter biete Zeitungen vielmehr die Chance, die Leser dort zu erreichen, wo sie sind.

Außerdem könnten sie die Plattform selbst als Informationsquelle nutzen, um schnell Feedback zu Ereignissen, Meinungen und Artikeln zu bekommen. "Twitter verändert nicht nur die Produktion von Journalismus, sondern auch seine Verbreitung und den Konsum", sagte Barnett. "Ich habe nur den Eindruck, der Wandel verläuft hier einigermaßen langsam." In Deutschland bestehe vielmehr die Gefahr, dass die Chance, die Twitter biete, nicht ergriffen werde.

Die Antworten der Verlage? Für Brigitte Fehrle, Chefredakteurin der "Berliner Zeitung", die "One-Million-Dollar-Frage". Die Joker, auf die das Podium bei der Beantwortung setzt, sind nicht neu. Von Paid Content ist wieder einmal die Rede, von den neuen Geschäftsfeldern, die zur Kompensation der sinkenden Printerlöse aufgebaut werden müssen, von einer Arbeitsverdichtung für die Redaktionen. "Es gibt keine Patentlösung. Jeder, der Ihnen den goldenen Weg verspricht, ist ein Scharlatan oder ein Unternehmensberater oder beides gleichzeitig", sagt "Spiegel"-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron. Genau wie auch Tobias Trevisan, Sprecher der Geschäftsführung der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ), betonte er die Notwendigkeit der Qualität: "Wir müssen mit dem, was wir machen, so stark sein, dass wir unabdingbar sind. Wenn wir das nicht schaffen, ist die Gesamtheit der mobilen Angebote so gefährlich, dass wir gegen sie verlieren werden."

Online-Bezahlschranken teilte der "Spiegel"-Chefredakteur erneut eine klare Absage. "Wir geben dem Leser Qualität, er gibt uns Aufmerksamkeit – und damit verdienen wir Geld", so Müller von Blumencron. "Spiegel Online" sei damit seit sieben Jahren profitabel. Bei Tageszeitungen sei sicherlich ein größerer kultureller Umschwung nötig, da die Online-Auftritte und das täglich erscheinende Printprodukt sich näher seien als bei einem Wochenmagazin. "Aber wenn die Leser für ein gedrucktes Produkt nicht mehr zahlen wollen, wieso sollten sie es dann online tun?". kl
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