"Missmanagement, Betroffenheit": Die Reaktionen auf die Insolvenz der "Frankfurter Rundschau"

Mittwoch, 14. November 2012
Die Insolvenz der Frankfurter Zeitung ist ein Schock für die Branche
Die Insolvenz der Frankfurter Zeitung ist ein Schock für die Branche


Der Insolvenzantrag der "Frankfurter Rundschau" ist für die ohnehin gebeutelte Branche eine Hiobsbotschaft. Wie es mit dem traditionsreichen Blatt aus der Finanz- und Wirtschaftmetropole weitergeht, steht in den Sternen. HORIZONT.NET dokumentiert ausgewählte Kommentare und Einschätzungen zur Pleite der "FR" .

Werner D'Inka, Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung"

Werner D'Inka (© F.A.Z.)
Werner D'Inka (© F.A.Z.)
Allgemeine und besondere Ursachen kommen zusammen. Die deutschen Tageszeitungen - nicht jede einzelne, aber die Gattung insgesamt - verlieren Leser. Dieser Entwicklung, deren Ursache nicht nur das Internet ist, war die "Frankfurter Rundschau" im besonderen ausgesetzt. Das links-grüne Blatt machte eine bleierne Phase durch, in der die Zeitung für viele schlicht langweilig, weil vorhersehbar wurde, während auf ihrem politischen Terrain die "taz" frischer und frecher wirkte. Und obschon die Leserschaft außerhalb Frankfurts schwand, hielt der Verlag an dem überregionalen Anspruch fest, erkauft mit hohen Vertriebskosten. Als die Zeitung wieder munterer wurde, war es zu spät. (...)

So oder so sollte das ungewisse Schicksal der "Frankfurter Rundschau" einer an die Gratismasche der digitalen Welt gewöhnten Gesellschaft Anlass zum Nachdenken darüber geben, was ihr unabhängige Zeitungen und eine Vielfalt der Stimmen wert sind.

Die Basislektion lautet: Gratismahlzeiten gibt es nicht. Wer für guten Journalismus nicht gutes Geld ausgeben will, liefert sich dem Kommerz und den Suchmaschinen aus, die gierig sind auf unsere Daten. Und wenn die letzte anständige Zeitung verschwunden ist, bleibt nur noch das Geschwätz.

"Rhein-Mein-Zeitung" der "FAZ"

"Niemand in einer Branche, die von harter Konkurrenz geprägt ist, wird auf das Ende der "Frankfurter Rundschau" mit Häme blicken. Jedem, dem Pressefreiheit und Meinungsvielfalt am Herzen liegen, muss es bedrücken, wenn eine Qualitätszeitung nach mehr als sechzig Jahren ihr Erscheinen einstellt. (...)

Am Ende war das Gemisch aus konjunktureller Anzeigenflaute, aus hausgemachten Problemen mit Langzeitfolgen und aus der Strukturkrise einer ganzen Branche nicht mehr beherrschbar. Die "Frankfurter Rundschau" geriet in einen Circulus vitiosus: Mit einer verunsicherten, dezimierten, schlecht bezahlten Mannschaft lassen sich auf Dauer keine Siege erringen. (...) Nein, gestern war kein guter Tag. Für die Mitarbeiter nicht, für die Eigner nicht, für die Leser nicht und nicht für eine ganze Branche."

Spiegel Online

"Die 'FR' galt - trotz vieler Umbauten in den letzten Krisenjahren - schon mehr als ein Jahrzehnt lang als publizistischer Dauerpatient, der verzweifelt nach einer Kur suchte. Und zwar noch bevor das neue Medium Internet dem alten Printgeschäft hart zuzusetzen begann und die Lage der kränkelnden 'FR' so sehr verschlimmerte, dass ihr Exitus nun unvermeidbar erscheint.

Die 'FR' droht das erste prominente deutsche Opfer des Strukturwandels in Medienbranche zu werden. Damit erreicht ein Phänomen die Bundesrepublik, das andere Länder seit Jahren kennen: das Zeitungssterben, drastischstes Symptom der Krise des herkömmlichen Verlagsgeschäfts. Und es ist ein makaberes Symbol, dass die meisten 'FR'-Beschäftigten über SPIEGEL ONLINE - also ausgerechnet ein Internetmedium - erfahren mussten, dass ihre Zeitung einen Insolvenzantrag gestellt hat."

Michael Konken, Vorsitzender der Deutschen Journalistenverbandes

Michael Konken
Michael Konken
"Die Insolvenz der Rundschau ist die Folge von jahrzehntelangem Missmanagement. Das Aus der renommierten Zeitung ist besonders bitter für die Beschäftigten, die über Jahre hinweg mit Einkommensverzicht für den Erhalt ihrer Zeitung gekämpft haben."

Willi Winkler, "Süddeutsche Zeitung"

"Die 'Frankfurter Rundschau' blieb über Jahrzehnte eine verlässliche linksliberale Zeitung und stand damit sehr lange allein. (...) Verlässlich kritisierte die Zeitung im Folgenden die Politik in der Bundesrepublik von links. (...) Falls es wirklich aus sein sollte mit ihr, stirbt auch auch das erste und letzte Gebot des Journalismus, nämlich dass er mehr sein sollte als ein Gewerbe."

Ein Redakteur der "Frankfurter Zeitung" gegenüber der "SZ"

"Hier rechnet keiner damit, dass die Zeitung in irgendeiner Form weitergeführt wird. Die wird einfach komplett eingestellt, mit Stumpf und Stiel."

Äußerungen Frankfurter Politik-Größen

Peter Feldmann (SPD), Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt: "Es sind jetzt drei Monate Zeit, in denen alles unternommen werden muss, um einem neuen Investor den Einstieg zu ermöglichen". ("FAZ")

"Hier stehen auch die bisherigen Besitzer - auch die Verlagsgruppe meiner Partei - mit in der Verantwortung, um Lösungen zu suchen." ("Bild")

Michael zu Löwenstein, CDU: "Wir sind sehr betroffen. Außer den Mitarbeitern machen wir uns große Sorgen um die Presselandschaft unserer Stadt." ("Bild") 

Omid Nouripur (Grüne): "Wir drücken unsere tiefste Solidarität mit der Belegschaft aus, die nun in eine unsichere Zukunft schaut." ("Bild")

Manfred Moos, Leiter Fachbereich Medien bei Verdi

Moss nimmt in der "FAZ" die Verleger in die Verantwortung. Die Umstellung auf das Tabloid-Format habe Anzeigenkunden verunsichert. "Keiner wusste mehr, wofür die Rundschau steht", so Moss in der "FAZ".

Karlheinz Kroke, Geschäftsführer "Frankfurter Rundschau" in der "FAZ"

Kroke will in der "FAZ" nicht ausschließen, dass die "Frankfurter Rundschau" auf eine Digitalausgabe umschwenken könnte. "Alles, was Sinn macht, werden wir fortsetzen".

Zeit-Online-Chef Wolfgang Blau schreibt auf Facebook

Wolfgang Blau
Wolfgang Blau
Wenn Zeitungen den Niedergang anderer Zeitungen erklären oder kommentieren sollen, liegt der Niedergang wahlweise an:

a. der (angeblichen) Kostenloskultur der Internetnutzer
b. der Abwanderung von Anzeigenkunden ins Netz
c. an schlechtem Verlagsmanagement
d. der angeblich mangelnden Investitionsbereitschaft von Verlagen und Verlegern, oder neuerdings
e. an Smartphones, die in die Zeitbudgets der Zeitungsleser schneiden.

Das inzwischen fragliche journalistische Konstrukt namens Tageszeitung wird selbst jedoch äußerst selten als Grund genannt. Entsprechend unreflektiert wird in Deutschland auch versucht, Tageszeitungen eins zu eins als Apps zu verkaufen; als ob Zeitungsleser sich nur vom Trägermedium Papier ablösen würden und nicht zuallererst vom journalistischen Konstrukt einer Tageszeitung.

Die Frankfurter Rundschau zu verlieren, wäre ein großer Verlust. (Als Student war sie meine erste überregionale Tageszeitung). Diese erste Schließung einer überregional bedeutsamen deutschen Tageszeitungen aber nur mit Argumenten aus dem Stehsatz zu erklären, wäre nicht nur zu bequem, sondern auch eine vertane Chance.

Auch viele Tageszeitungen könnten eine Zukunft haben. Aber nur, wenn sie das Netz nicht als ihren Feind empfinden. dh/mas
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