Ministerentscheidung hinfällig: Holtzbrinck verkauft den "Tagesspiegel" an Pierre Gerckens

Montag, 29. September 2003

Die Holtzbrinck-Verlagsgruppe verkauft den "Tagesspiegel" an den BDZV-Vizepräsidenten Pierre Gerckens, der auch im Beirat des Berliner Blattes sitzt. Durch den Verkaufsbeschluss ist der Antrag bei Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, die Fusion mit der "Berliner Zeitung" zu erlauben, hinfällig. Clement wollte Mitte dieser Woche entscheiden. Eine Erlaubnis galt allerdings nach einer Anhörung Mitte September als unwahrscheinlich. Mit einer Zustimmung zur verlagswirtschaftlichen Kooperation sei nicht mehr zu rechnen gewesen, da das Thema stark politisiert wurde, klagt Holtzbrinck. Daher habe sich die Verlagsgruppe nun für eine schnelle, klare Lösung entschieden.

Pierre Gerckens ist Vizepräsident des Bundes Deutscher Zeitschriftenverleger (BDZV) und seit über 30 Jahren im Verlagsgeschäft. Er hat unter anderem als geschäftsführender Gesellschafter die Verlagsgruppe Handelsblatt entwickelt, den "Südkurier" saniert und den Aufbau des Zeitungsbereiches der Holtzbrinck-Verlagsgruppe mitgestaltet.

Gerckens setzt bereits darauf, dass ihm als "unabhängigen Unternehmer mehr Möglichkeiten offen stehen, zum Beispiel bei den Kosten aber auch bei kartellrechtlich unbedenklichen Kooperationen". Das Kartellrecht solle geändert werden, um gerade Einzelverlegern mehr Gestaltungsräume zu bieten. Aus seinen Ämtern bei Holtzbrinck - Aufsichtsrat und andere Verlagsgruppengremien - scheidet Gerckens mit sofortiger Wirkung aus. Einer engeren Zusammenarbeit des "Tagesspiegel" mit Holtzbrincks "Berliner Zeitung" sollte damit nichts mehr im Wege stehen. Weniger begeistert dürfte der Bauer-Verlag von dem raschen Verkaufsbeschluss an Gerckens sein. Die Hamburger hatten wiederholt ihr Interesse am "Tagesspiegel" bekräftigt und mehrere Modelle zur Sanierung und Sicherung der Zeitung vorgelegt.

Ob Bauer oder der Berliner Ortskonkurrent Axel Springer Verlag erneut beim Kartellamt vorsprechen werden, ist offen. Die enge Verbundenheit zwischen Gerckens und Holtzbrinck könnte Anlass zu weiteren wettbewerbsrechtlichen Bedenken geben. Springer hatte befürchtet, im Falle einer Genehmigung der Fusion von "Berliner Zeitung" und "Tagesspiegel" durch Clement die eigene "Welt" oder "Berliner Morgenpost" vom Markt nehmen zu müssen. Der Verlag begrüßt daher Holtzbrincks Entscheidung, den Antrag auf Ministererlaubnis zurückzuziehen. Die Käuferwahl und weitergehende juristische Schritte will Sprecherin Edda Fels zum jetzigen Zeitpunkt jedoch nicht kommentieren. "Wir begrüßen die jetzt gefundene Lösung, weil sie sowohl den Anforderungen des Kartellrechts wie auch dem Erhalt der Presse- und Meinungsvielfalt in Berlin gerecht wird", sagt Gruner + Jahr-Sprecher Stefan Michalk. Damit werde es in Kürze sowohl für den Berliner Verlag, der noch immer G+J gehört, wie für den "Tagesspiegel" die notwendige Planungssicherheit für eine erfolgreiche unternehmerische und verlegerische Entwicklung in der Zukunft geben. he/pap
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