Minimalistische iPad-Version: Die Politik der FAZ

Mittwoch, 20. April 2011
Kein Versehen: FAZ-iPad ist gleich FAZ-Print, und umgekehrt
Kein Versehen: FAZ-iPad ist gleich FAZ-Print, und umgekehrt

Von schlicht („Brand Eins") bis multimedial veredelt („Frankfurter Rundschau", „Iconist") - Apples iPad bietet den Verlagen viel Spielraum für neue  Produkte abseits von Print und klassischem Internet. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat sich bei ihrer iPad-App für die schlichte Variante entschieden. Mit dieser Strategie mag sie richtig liegen. Zum Vorbild für andere Medien-Apps taugt sie aber nicht. 1. Man kann den klugen Köpfen der „FAZ" alles Mögliche vorhalten, sie auch für vieles loben. Für Experimentierfreude, wohldosierte selbstverständlich, sind sie erst die vergangenen Jahre  bekannt. Wer beispielsweise im Oktober 1996 die FAZ-Homepage besuchte, musste auf der spröden Homepage Folgendes kopfschüttelnd lesen: "Warum veröffentlicht die FAZ im Internet nicht eine elektronische Ausgabe der Zeitung? Die gedruckte Zeitung ist die beste Form für die Frankfurter Allgemeine - wir verlesen unsere Texte ja auch nicht im Radio." Auch 2011 werden die Texte der FAZ nicht im Radio verlesen und die Herausgeber werden die gedruckte Zeitung wahrscheinlich immer noch für die beste Form für die „FAZ" halten. Aber dem Internet konnten sich auch die wertkonservativen FAZ-Verleger nicht entziehen. Mit FAZ.net gibt es ein umfangreiches, wenn auch etwas unübersichtliches Web-Angebot. In Sachen iPad wurde nun nicht die multimedial veredelte, sondern die schlichte Variante gewählt: Die „elektronische Ausgabe der Zeitung" - auf dem Apple-Tablet nimmt sie fast 15 Jahre nach dem arroganten Homepage-Statement Gestalt an.

2. Ende Januar 2010, Steve Jobs hatte gerade das erste iPad vorgestellt, widmet sich Frank Schirrmacher im Feuilleton der „FAS" der „Politik des iPad". Seine These: „Die Revolutionsphase des Computerzeitalters ist vorbei, jetzt beginnt die Epoche der Restauration." Der FAZ-Herausgeber fragt: „Was macht das mit uns?" Und liefert die Antworten gleich mit. Die „Demokratisierung des Computers" zeige, „dass die meisten Menschen es einfacher haben wollen und nicht ertrinken wollen in der Flut der Daten und Befehle." Das iPad, schreibt Schirrmacher, „reduziert offenbar Komplexität in erstaunlichem Umfang."  Die Message des „speziellen Gerät", das Jobs vorgestellt hatte, sei: „Die Hardware verändert den Inhalt."3. Dass die Hardware den Inhalt verändert, merkt man der FAZ-App nicht an. Print und iPad-Version kommen daher wie eineiige Zwillinge. Unterschiede  sind beim Blättern/Swipen kaum auszumachen. Schirrmachers These, die Apple-Botschaft laute: „Kommunikation ist minimalistisch", bedeutet im Fall der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vor allen Dingen: Die Präsentation des inhaltlichen Angebots ist minimalistisch: Wo Richard Bransons „Project" oder die hochgelobte App der defizitären „Frankfurter Rundschau" die multimedial-interaktiven Möglichkeiten voll ausreizen, hält sich die „FAZ", um es positiv zu formulieren, vorsichtig zurück. Ehrlicherweise ist in der Pressemitteilung zum Launch von einer „ePaper-App" die Rede, etwas anderes wird nicht geboten. Immerhin: Abends ab 21.30 Uhr kann die FAZ vom nächsten Tag runtergeladen werden, die ersten zwei Wochen gratis. Danach kostet die Einzelausgabe 1,59 Euro, 41 Cent weniger als das Blatt. Und Abonnenten können für monatlich 6,90 Euro auf das ePaper zugreifen.

4. Im Vergleich zu technisch anspruchsvolleren Angeboten ist die „FAZ"-Anwendung ein Low-Budget-Produkt, das Recherchefunktionen bietet und die Möglichkeit, Artikel zur späteren Lektüre abzulegen. Dass das iPad ein Trägermedium ist, das Lesen, Schauen und Berühren zugleich bietet und entsprechend eingesetzt werden kann - das wollte man der vermeintlich auch bei technischen Angelegenheiten konservativen Klientel nicht zumuten. Leider. Man kann aus gutem Grund vor der Überforderung durch das Digitale warnen. Und optische Zurückhaltung - wir erinnern uns an die Diskussionen zur Einführung des Bildes auf Seite 1 - gehörten immer zur DNA dieser Zeitung. Auch mit der Vermutung, dass der durchschnittliche  FAZ-Leser nicht viele bunte Bilder braucht oder gar wünscht (und schon gar keine, die sich bewegen), lag man bis vor kurzem bestimmt richtig. Lesen soll im Vordergrund stehen, und das ist auch bei der „ePaper-App" der Fall. Aber man hätte den klugen Leser-Köpfen der Leser ruhig etwas mehr iPad-Feeling zumuten können. Das Bild auf Seite 1 gehört schließlich mittlerweile regelmäßig zu den textlichen und optischen Highlights der Morgenlektüre. Und noch ein Letztes: Auch die Web-2.0.-Generation kommt bald in ein Alter oder eine Position, wo es schick oder aus beruflichen Gründen notwendig ist, zur FAZ zu greifen. Die wird dann möglicherweise die Tablet-Ausgabe bevorzugen - vorausgesetzt, sie kommt nicht daher wie eine Kindle-Version 2.0. Infos zur FAZ-App: www.faz.net/faz-ipad. vs 
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