"Marketer müssen ihr Denken ändern"

Donnerstag, 13. Juni 2013
Syzygy-Chef Marco Seiler
Syzygy-Chef Marco Seiler

Deutschlands Werbungtreibende sind mehrheitlich noch nicht auf die Post-PC-Ära eingestellt, Markenerlebenisse auf Tablets und Smartphones sind noch Mangelware: Im HORIZONT-Interview beklagt Marco Seiler, Chef der Syzygy-Gruppe, dass die Unternehmen Mobile und Tablets nur als einen weiteren Werbekanal, aber nicht als innovative Medienplattform begreifen.
Sie haben die Gelegenheit beim DID genutzt und eine neue Ära proklamiert - die Post-PC-Ära. Was verbirgt sich hinter diesem Schlagwort und warum sollten sich Marketing- und Vertriebsexperten damit beschäftigen? Tablets und Smartphones sind Game Changer, die eine neue Medienkultur und die Post-PC-Ära begründen. Nicht nur der Absatz, auch die Nutzung von Smartphones und Tablets steigen rasant - und damit auch die Möglichkeiten, mit Menschen in Kontakt zu treten. Um das Innovationspotenzial dieser neuen Ära zu nutzen, müssen Marketeers zunächst aber vor allen Dingen ihr Denken ändern. Aktuell stoßen Marketeers ihre Kunden häufig vor den Kopf: Viele Unternehmen haben ihre digitalen Markenerlebnisse überhaupt noch nicht auf diese Geräte optimiert, geschweige denn, dass ihr Content auf neue Nutzungskontexte angepasst wurde.

Noch mehr Infos vom DID

Auf der Website von Syzygy gibt es noch mehr Informationen und Videos zum Event in Frankfurt, beispielsweise die Key-Notes von Paul Marsden über "Re-Imagination von nearly everything - including ourselves" und von HiRes!-Chef Florian Schmitt, der sich mit "Focus & Change" auseinandersetzt.

Die meisten Unternehmen haben gerade damit begonnen, sich professionell mit Social Media zu beschäftigen. Nun sollen sie schon wieder für das nächste große Ding, die Post-PC-Ära, bereit sein. Ist das nicht zu viel verlangt? Im Gegenteil, es ist eher sträflich, sich nicht mit der Markenkommunikation auf den neuen Devices zu beschäftigen. Wir reden hier nicht nur von neuen Endgeräten mit einem kleinen Bildschirm. Smartphones, Phablets" und Tablets sind innovative Lebensbegleiter der Menschen. Und sie gehören inzwischen zu ihren Lieblingsmedien. Umso bedrückender ist es, dass Deutschlands werbungtreibende Unternehmen in der Mehrheit noch nicht Post-PC-ready sind. Selbst Unternehmen, die ihre Markenerlebnisse an neue Endgeräte und Nutzungskonzepte angepasst haben, machen das oft nur halbherzig. Man muss sich doch die Frage stellen: Warum sind viele mobile Webpräsenzen Light-Versionen der Präsenzen für PCs? Fakt ist, dass Menschen zunehmend und fast ausschließlich auf Smartphones und Tablets surfen. Sie wollen keine Light-Version einer Webpräsenz, sondern ihre Bedürfnisse befriedigt wissen und erfüllende Markenerlebnisse angeboten bekommen. Was zurzeit noch geboten wird, kann man zum Teil als mangelnden Respekt für Kunden empfinden.

Tolle Markenerlebnisse bieten - das klingt so, als ob es in erster Linie um ein ästhetisches Vergnügen geht, also etwas, was in der Regel von Websites nicht geboten wird. Gestaltung und Design sind wichtige Elemente von Markenerlebnissen, aber natürlich nicht nur. Das geht Hand in Hand mit einer mediengerechten Content- Strategie, wie auch mit der Nutzung der Potenziale, die mir Touch-Interfaces oder gar das ganze Öko-System dieser Plattformen bieten. Zwei Beispiele, beim einen sind die Hausaufgaben noch nicht gemacht, beim anderen haben es die Player verstanden: Die Faszination, die Automarken für viele Menschen haben, muss sich auch auf Tablets und Smartphones widerspiegeln. Der Fahrspaß, der in millionenschweren TV-Kampagnen immer wieder aufs Neue beschworen wird, braucht sein Pendant auch in den Medien der Post-PCÄra. Viele Automarketer Betrachten Tablets und Smartphones noch zu sehr unter Mediagesichtspunkten, als einen weiteren Kanal, aber nicht als innovative Medienplattform. Man muss sich nur mal anschauen, wie viele Car- Konfiguratoren auf Tablets oder Smartphones Spaß machen und mediengerecht angepasst wurden. Da werde ich blass im Land hoher Ingenieurkunst und der besten Fahrzeuge der Welt. Das zweite Beispiel fällt in den Bereich des E-Commerce, Stichwort Couch Commerce. Studien haben gezeigt, dass die Verweildauer auf Commerce-Anwendungen bei Tablets bis zu doppelt so lang ist wie beim PC ist - und dass der Warenkorb 20 bis 30 Prozent voller ist. Das sind Werte, die zeigen, wie viele Menschen Spaß daran haben, mit Tablets zu shoppen. Firmen, die ihre Strategie darauf angepasst haben, reiben sich die Hände. Die haben es verstanden.

Ihre Empfehlung für Unternehmen in der Post-PC-Ära? Marketing im digitalen Zeitalter ist vielfältig, weil man unheimlich viele Optionen hat. Es kommt nicht darauf an, von allem etwas zu tun, sondern das Wichtige richtig zu tun. Dabei sollte der Fokus meiner Meinung nach auf den eigenen Medien liegen. Dem Facebook- Hype zum Trotz muss vor allen Dingen Owned Media eine Marke in ihrer Urform und ganzen Reinheit in neuen Nutzungskontexten präsentieren. Wenn ich das nicht beherrsche, mir das Innovationspotential dieser neuen Devices für meine Marke nicht erschließe, brauche ich mit Social Media nicht zu beginnen. Smartphones und Tablets werden die Hauptrolle im Medienkonsum von Menschen übernehmen. Das ist eine große Chance, neue Erfahrungswelten mit Marken zu kreieren, die auf eine neue intensive, persönliche Weise Menschen mit Marken verbinden. Nutzen wir sie. Interview: Volker Schütz
Meist gelesen
stats