"Lerchenberg" im HORIZONT-Check: Perle mit kleinen Unreinheiten

Dienstag, 02. April 2013
Die "Lerchenberg"-Crew mit Sacha Hehn (Mitte; Bild: ZDF/Jan Rasmus Voss)
Die "Lerchenberg"-Crew mit Sacha Hehn (Mitte; Bild: ZDF/Jan Rasmus Voss)


Mit "Lerchenberg" wagt das ZDF zum 50. Senderjubiläum einen selbstironischen Blick hinter die eigenen Kulissen: Da wird geklüngelt und gebuckelt und um Innovationen macht man lieber einen großen Bogen. Dem Zuschauer bereitet das Spaß und Schadenfreude. Das heißt aber nicht, dass es nichts zu bemängeln gäbe. "Kaum zu glauben aber wahr, XY wird heut 50 Jahr!": Es ist eines jener schlecht gereimten Gedichte irgendwelcher Verwandten anlässlich runder Geburtstage, die wohl jeder schon einmal in verschiedenen Ausprägungen gehört hat. Um vor Fremdscham nicht zu vergehen, macht man gute Miene zum bösen Spiel, lächelt verlegen, applaudiert brav - aber eigentlich will man lieber nicht zu genau hinsehen bzw. -hören.

Genau so mutet "Lerchenberg" an - und genau das ist es, was das Format letztendlich so überzeugend macht. Denn es handelt sich bei der Sitcom nicht um den fiesen Seitenhieb eines böswilligen Konkurrenten, nein, hier blickt das ZDF zum eigenen 50. Geburtstag voller Selbstironie auf sich selbst. Der Lerchenberg, jener sagenumwobene Hauptsitz des Zweiten Deutschen Fernsehens vor den Toren von Mainz, bildet in der Serie die Kulisse und den Lebensraum für allerlei Torheiten, Klüngeleien und Skandälchen. Und er ist die Arbeitsstätte einer Belegschaft, die sich zwar aus intelligenten, hoch qualifizierten Journalisten und Programmmachern zusammensetzt, die aber in allzu starren Abläufen und Denkschemata gefangen zu sein scheint.

Ok, das Konkurrenzgehabe zwischen der Redakteurin Billie (Eva Löbau) und ihrer Volontärin Judith Kleine (Cornelia Gröschel) dürfte stellvertretend für einen in zahlreichen deutschen Büros ausgefochtenen Kampf stehen. Auch dass per Ordre de Mufti - in diesem Fall ist der Mufti Redaktionsleiterin Dr. Elisabeth Wolter (Karin Giegerich) - genau der eine Schauspieler, nämlich Altstar Sascha Hehn, gecastet werden muss, erklärt sich mehr durch gewisse körperliche Abhängigkeiten denn durch berufliche. Aber wenn dann aus einer eigentlich modern konzipierten Sendung letztendlich doch wieder eine Kochshow wird, um einerseits einem altgedienten ZDF-Star zu einem Comeback zu verhelfen und andererseits ja nicht zu viel auszuprobieren, bekommt man eine leise Ahnung von den Abhängigkeiten, mit denen sich der eine oder andere ZDF-Mitarbeiter sicherlich rumärgern muss.

Hinzu kommen all die zahlreichen kleinen Seitenhiebe auf den Alltag im Fernsehkosmos im Allgemeinen und im ZDF im Besonderen. Etwa, dass "Heute-Journal"-Sprecherin Gundula Gause es in einem Gastauftritt nicht ertragen kann, dass alle Welt sie nur in Verbindung mit Anchorman Claus Kleber zu kennen scheint. Oder dass Thomas Gottschalk mittlerweile auf einer "Giftliste" von Personen steht, mit denen das ZDF nie wieder arbeiten möchte. Oder dass der Humorist Heinz Erhardt - Todesdatum: 5. Juni 1979 - auf der selben Liste steht.

Die Krone setzt dem Ganzen Sascha Hehn auf, Ex-Doc in der "Schwarzwaldklinik" und künftiger Kapitan des ZDF-Dauerbrenners "Das Traumschiff". Er spielt in "Lerchenberg" einen etwas abgehalfterten ehemaligen TV-Star, der sich nach dem großen Comeback sehnt - also sich selbst. Und er tut das überzeugend, mit viel Witz und Charme. Wie Hehn es in "Lerchenberg" als abgebrannter Schauspieler mit zu großem Ego schafft, eine ganze Redaktion auf Trab zu halten, ist schon großes Kino.

Die ZDF-Nachwuchsredaktion von "Das Kleine Fernsehspiel" hat hier im Zusammenarbeit mit dem TV-Labor Quantum also ganze Arbeit geleistet. Aber warum, gütiger Gott, versteckt das ZDF die Serie dann zunächst auf ZDFneo und in dieser Woche noch einmal im ZDF-Nachtprogramm? Und warum hat die Sitcom nur vier Folgen á 20 Minuten? Das sind aber wirklich die einzigen Unreinheiten bei der Perle "Lerchenberg".

Bleibt nur zu hoffen, dass an diesem Freitag, wenn das Zweite die ersten beiden Folgen des Vierteilers ab 23.00 Uhr sendet, genügend "Heute-Show"-Zuschauer dranbleiben. Am vergangenen Donnerstag erzielte "Lerchenberg" bei ZDFneo zwischen 160.000 und 270.000 Zuschauern respektive 1,1 bis 1,6 Prozent Marktanteil. Etwas mehr dürften es am Freitag schon werden. ire

"Lerchenberg"; Teil 1 & 2 am 5.4 ab 23.00 Uhr; Teil 3 & 4 am 12.4. ab 23.00 Uhr

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