Leistungsschutzgesetz: Es bleibt bei der Milchmädchen-Rechnung

Dienstag, 31. Juli 2012
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Die Verlegerverbände sind in Sachen Leistungsschutz weiterhin hyperaktiv. Der geänderte Entwurf für ein Leistungsschutzrecht findet keine Gnade bei VDZ und BDZV. Als „inkonsequent" kritisieren sie den Entwurf und appellieren an die Regierung, „dieses wichtige Anliegen nicht halbherzig zu betrachten". Anmerkungen zu einer verfahrenen Situation. Schon vor geraumer Zeit wurde an dieser Stelle der erste Entwurf eines Leistungsschutzgesetzes als verlegerische „Milchmädchen-Rechnung, die nicht aufgeht" kritisiert. An dem grundsätzlichen Unbehagen und der Unmöglichkeit, per Gesetz Internet-Giganten wie Google einerseits in die ökonomischen Schranken zu weisen, andererseits die digitalen Geschäftsmodelle der Verlagsseite abzusichern, hat sich seitdem nichts geändert. Zeit-Online-Redakteur Kai Biermann schlägt in eine ähnliche Kerbe und warnt vor drohendem (juristischem) Chaos, das ein entsprechendes Gesetz auslösen würde. Die Argumente sollen hier nicht mehr wiederholt werden, man kann sie jederzeit nachlesen.

Stattdessen eine Anmerkung aus anderer Perspektive. Vor einigen Jahren schreckte Martin Sorrell, mächtiger Chef der Werbeholding WPP, die Agentur- und Digitalbranche mit der Bemerkung auf, Google sei ein „Frenemy" für Agenturen - einerseits „friend" und Partner, andererseits „enemy" und Konkurrent. Der Spruch sorgte für zahlreiche fruchtbare Diskussionen. Fruchtbar deshalb, weil Werbe- und Media-Agenturen die Gelegenheit nutzten, ihr Selbstverständnis im digitalen Zeitalter sowie ihr Unbehagen gegenüber einem schnellen und hungrigen Herausforderer zu artikulieren. Inzwischen haben die internationalen Networks, egal ob WPP, Publicis oder Omnicom, und auch Martin Sorrell längst ihren Frieden mit Google gemacht. Mehr noch: Von den milliardenschweren Partnerschaften profitieren beide Seiten.

Der gesunde Pragmatismus eines Martin Sorrell, der mit Google bei aller Kritik und bei allem Unbehagen Geschäfte macht, fehlt vielen deutschen Verlegern und ist Wasser auf die Mühlen von Verlagshassern wie Thomas Knüwer, der Verlagen gernemal  „zeckengleiche(s) Verhalten" vorwirft. (Knüwers Wortwahl ist mehr als bedenklich, aber das soll hier kein Thema sein.) Wichtiger ist: Die Verleger haben sich dazu entschieden, Google, und nicht nur Google, sondern auch News-Aggregatoren als „enemy" zu betrachten.

Der Spielraum für produktive Perspektiven jenseits juristischer Scharmützel wird dadurch nicht unbedingt größer. Wie man die vermeintlichen Feinde auch betrachten kann, hatte Spiegel-Online-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron in einem HORIZONT-Interview im vergangenen  Jahr formuliert: „Ich bin niemand, der die Abschaffung des Copyrights will. Aber ich bin bei der Forderung nach Schutzrechten zurückhaltend. Wir verdienen an jedem Klick, den Google uns bringt. Wir optimieren unsere Seiten für Google und Facebook. Warum tun wir das? Weil die Reichweite, die von diesen Plattformen kommt, uns bei der Vermarktung hilft."  Schade, dass sich die Verlegerverbände nicht zu einem solchen Blick auf die digitale Publikations- und Wertschöpfungskette haben durchringen können.

Eine besondere Note erhält die Debatte nun durch die wütenden und aus ihrer Perspektive durchaus konsequenten Proteste von VDZ und BDZV auf den neuen Entwurf. Der läuft in der Tat auf ein "Lex Google" hinaus, ein „Freifahrtschein für die Aggregatoren, die schon jetzt die Verlags-Internetseiten absaugen, um damit Geld zu verdienen", ätzen VDZ und BDZV.

Frage an die Verlegerverbände: Welche Newsaggregatoren - lassen wir Google News mal aus dem Spiel - gibt es, die in Deutschland nennenswerten Umsatz mit Verlagscontent machen? Mir fällt partout keiner ein. Nähern wir uns dem Thema von einer anderen Seite, dem überschaubaren Feld des Fachmedien-Journalismus. Neben den Portalen HORIZONT.NET, Meedia, Kress, DWDL und WuV.de versorgt auch Turi2.de Interessenten als Aggregator mit Nachrichten vom Medien-Tagesgeschehen. Geht es nach den Verbänden, muss Turi2 künftig Geld an die von ihm zitierten Dienste überweisen. Oder die Dienste könnten Turi2.de verklagen. Oder Gründer Peter Turi müsste seinen Dienst einstellen.

Das Leistungsschutzgesetz wird weder in der großen Variante (Google, Blogs, News-Aggregatoren) noch als „Lex Google" die Milliarden-Dollar-Maschine Google lahmlegen und den Medienwebsites zu großem Umsatzplus verhelfen. Stattdessen drohen endlose juristische Scharmützel, das Aus für kleinere Anbieter. Auch nach dem Leistungsschutzgesetz bleibt das Internet-Publizismus für die meisten Verlage ein Lousy-pennies-Business. vs

 

 

 

 

 

 


 

 
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