"Langzeit-Irrtum mit Ansage": Pressestimmen zur Führungskrise beim "Spiegel"

Mittwoch, 10. April 2013
Ehemalige "Spiegel"-Chefredakteure: Mathias Müller von Blumencron (l.) und Georg Mascolo
Ehemalige "Spiegel"-Chefredakteure: Mathias Müller von Blumencron (l.) und Georg Mascolo


Die Führungskrise beim "Spiegel" beherrscht derzeit die Medienseiten der Fachdienste und der überregionalen Publikumspresse. Dabei beschäftigt die Beobachter neben der Art und Weise, wie Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron geschasst wurden, vor allem die nun anstehende Nachfolgeregelung. HORIZONT.NET zeigt ausgewählte Pressestimmen.

Kai-Hinrich Renner, Welt Online

"Auf den Nachfolger von Mascolo und Müller von Blumencron wartet eine Herkulesaufgabe. Es gilt 'Spiegel Online' und 'Spiegel TV' zu bündeln. Erschwert wird die Aufgabe dadurch, dass nur den Print-Redakteuren, nicht aber den Kollegen von 'Spiegel Online' und 'Spiegel TV' die Hälfte des Verlags gehört. Dennoch muss Geschäftsführer Saffe bald einen geeigneten Kandidaten finden. Sonst könnte er, der im Haus nicht unumstritten ist, die nächste Führungskraft sein, die den "Spiegel" verlassen muss.

Caspar Busse und Claudia Fromme, Süddeutsche Online

"Der befremdliche, stillose Umgang mit der alten Spitze, für den Geschäftsführung und Gesellschafter die Verantwortung tragen, wird die Suche nicht leichter machen."

Christoph Pagel, Focus Online

"Das Blatt könne auch einige Zeit ohne neuen Chef überstehen, sagt eine ehemalige journalistische Führungskraft des 'Spiegel' zu Focus Online. Die Redaktion sei ein eingespielter Apparat, der von den beiden Stellvertretern Doerry und Brinkbäumer geleitet werden könnte. Zudem löse ein neuer Chefredakteur nicht zwingend die Probleme, die sich in den vergangenen Jahren beim Spiegel angestaut haben. Denn der Posten an der Spitze des Spiegel hat an Attraktivität verloren."

Ulrike Simon, Frankfurter Rundschau

"So unterschiedlich Mascolo und Blumencron sind, so unterschiedlich gestalteten sie ihren Abschied. Und wie in der Tagesarbeit waren auch die Abschiede strikt getrennt in jenen für den gedruckten und jenen für den digitalen Spiegel. Und genau darin liegt der Grund für die Trennung des Verlags von Mascolo und Blumencron. Sie konnten sich einfach nicht einigen, wie sie das Gedruckte und Digitale gemeinsam führen und strategisch und journalistisch gewinnbringend zusammenführen sollen."

Joachim Frank, Kölner Stadt-Anzeiger

"Doppelspitzen können eine feine Sache sein: Wenn zwei die Köpfe zusammenstecken, die einander verstehen, ein gemeinsames Ziel verfolgen und - im besten kölschen Sinne - 'gönnen können', dann ist ihre gemeinsame Führung mehr als die Summe der Teile. Da keine dieser Voraussetzungen auf Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron, die beiden Chefredakteure des 'Spiegel' zutraf, war ihr fünfjähriges Wirken ein Langzeit-Irrtum mit Ansage - und jedenfalls nicht zum Wohl des Magazins."

Joachim Huber, Tagesspiegel

"Die Probleme des Spiegel-Verlages lassen sich nur mit einem neuen oder neuen Namen an der Spitze nicht lösen. Strukturell, ganzheitlich sind die Schlagwörter auf den Redaktionsfluren, gebraucht werde kein neuer Lenker, sondern ein neuer Motor. Ein Mitarbeiter bringt das große Problem der Integration der Spiegel-Teile auf einen kleinen Zukunftsnenner: Wer bringt einen altgedienten Spiegel-Redakteur dazu, alle drei Tage einen Text zu schreiben, der dann auch noch online gestellt wird?"

Steffen Grimberg, NDR.de

"Die plötzliche Abberufung dient auch dem Selbstschutz. Als 2007 ebenfalls vorzeitig bekannt wurde, dass der damalige Chefredakteur Stefan Aust gehen sollte, bescherte das dem 'Spiegel' eine monatelange, für das Blatt peinliche Nachfolgerdebatte. Auch dieses Mal ist der Plan, einen geräuschlosen Wechsel an der Spitze durchzuziehen, offenbar durch gezielte Indiskretionen durchkreuzt worden. Wie weit die Gesellschafter mit der Nachfolge-Suche tatsächlich sind, bleibt offen - die Ankündigung, man wolle 'in Kürze' entscheiden, werten Branchenexperten als Schutzbehauptung."

ire
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