Kreditinstitute verschlafen die Digitalisierung

Donnerstag, 25. Oktober 2012
Konzernzentrale der Deutschen Bank
Konzernzentrale der Deutschen Bank

Banken-Bashing ist ja derzeit in. "Geldvernichtungsmaschinen", "Gierige Gesellen", "Gewissenlose Großmogule" - es gibt kaum Schimpfworte, mit denen Banker noch nicht bedacht worden sind. Nun könnte noch "Schlafmützen" hinzu kommen. Das jedenfalls ist, überspitzt formuliert, das Ergebnis zweier unterschiedlicher Studien. Sie kommen zu dem gemeinsamen Resultat: Die Banken sind unzureichend auf Digitalisierung und Mobile Payment vorbereitet. Sowohl Bain & Company als auch Bearing Point haben sich den Themen mit unterschiedlichen Schwerpunkten gewidmet. Und ihr Fazit ist in beiden Fällen das gleiche: Es wird höchste Zeit für die Institute, integrierte digitale Strategien für ihr Geschäftsmodell zu entwickeln. Und das aus gutem Grund: Längst drängen branchenfremde Unternehmen wie Google, PayPal, Microsoft und Apple in den Markt der Finanzdienstleistungen. "Während der Markt für neue Akteuere ein verlockendes Zusatzgeschäft ist, geht es für Banken um ihre bisherige Vorherrschaft im Zahlungsverkehr", sagt Christian Bruck, Partner bei Bearing Point und Co-Autor der Studie.

Der Markt und die Konkurrenz für die etablierten Finanzdienstleister wächst rasant. Weltweit dürften allein beim Mobile Payment mittlerweile deutlich über 100 Systeme exisitieren. Anfang Oktober etwa hatte Square angekündigt, dass die Kunden demnächst ihren Kaffee bei Starbucks in Nordamerika über den mobilen Bezahldienst kaufen können. Die Expansion ins Ausland hat Square-Chef und Twitter-Erfinder Jack Dorsey fest im Blick. Das kommt nicht von ungefähr: Bis 2016 soll der Markt nach Berechnungen auf mehr als 600 Milliarden Dollar wachsen. Laut der Studie von Bearing Point kennt rund die Hälfte der Studienteilnehmer Angebote wie "PayPal Wallet" oder "Google Wallet". Jeder zweite Smartphone-Nutzer in England, Frankreich, Deutschland und in den USA würde das flexible Bezahlen per Mobiltelefon bevorzugen. Für 52 Prozent der Befragten ist der vertrauensvolle Umgang mit ihren Daten am wichtigsten, die Benutzerfreundlichkeit des Services ist für rund 45 Prozent entscheidend, 42 Prozent nennen die mögliche Zeitersparnis als ausschlaggebend. Und grundsätzlich liegen die Banken hier nicht schlecht. Ihnen wird beim Mobile Payment das größte Vertrauen entgegengebracht.

Doch nach Ansicht von Bearing Point nutzen die Kreditinstitute den Wettbewerbsvorteil zu wenig. Sie investierten nicht massiv genug in innovative und digitale Services. "Ignorieren die Banken die Ansprüche der Konsumenten und integrieren mobile Bezahlsysteme nicht zügig in ihr Servcie-Portfolio, können sie schnell ihren Vorsprung verlieren", warnt Bruck.

Nach der weltweiten Studie von Bain & Company erledigt in den USA bereits jeder Dritte seine Bankgeschäfte mobil. "Die Kunden unterscheiden zunehmend nicht mehr zwischen Online- und Offline-Angeboten, was viele Banken unter einen enormen Zwang bringt", sagt Dirk Vater, Partner bei Bain & Company und weltweiter Leiter für Retail-Banking. Für ihn machen viele Banken den Fehler, dass sie das Filialgeschäft heute nach wie vor getrennt von ihren digitalen Aktivitäten betreiben. Darunter leiden Effizienz und Ertrag. So könnten die Institute nach Berechnungen von Bain mindestens ein Viertel aller Filialstandorte in Deutschland schließen. "Bei einer Digitalisierungsstrategie geht es nicht darum, Kunden dazu zu motivieren, immer mehr Bankgeschäfte online zu tätigen. Vielmehr ermöglicht sie dem Kunden, künftig selbst zu entscheiden, wann, wie und wo er mit seinem Institut in Kontakt treten möchte." Für den Bankexperten ergibt sich daraus eine klare Forderung an die Strategen in den oberen Entscheidungsebenen: "Banken müssen schneller, flexibler und transparenter werden." mir
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