"Kosmisches Rauschen": Die Top-Medien-Storys des "Handelsblatt" in KW 1

Freitag, 07. Januar 2011
Das "Handelsblatt" (Ausgabe vom 5. Januar)
Das "Handelsblatt" (Ausgabe vom 5. Januar)

Das „Handelsblatt" hat in dieser Woche gleich mit drei Themen für Debatten in der Medienszene gesorgt: einem Interview mit der neuen ARD-Chefin Monika Piel am Montag, einem Facebook-Schwerpunkt am Dienstag („Der Wahnsinn kehrt zurück") und einem Gastkommentar von Bodo Hombach, Geschäftsführer der WAZ-Gruppe. 1) Monika Piel sucht Verbündete für die „Allianz gegen Google und Apple"

Dass die ARD-Vorsitzende mit ihren Antrittsinterviews, unter anderem auch im „Handelsblatt", nicht mit allen Aussagen ins Schwarze getroffen hat, ist an anderer Stelle schon genug gewürdigt worden. Insbesondere bei zwei Punkten haben Kritiker wie Stefan Niggemeier und  Spiegel-Online-Autor Christian Stöcker den Finger in die Wunde gelegt.

Dies betrifft zum einen Frau Piels Angst vor Google. Das "Handelsblatt" fragt: „Ist Google eine Bedrohung für die ARD?" Antwort Piel: „Natürlich. Das gilt aber nicht nur für uns, sondern für alle Qualitätsmedien." Nöcker schreibt in Spiegel Online zu Recht: „Sieht Monika Piel die Gefahr, dass Google-Wegelagerer die Männer mit den Geldtaschen, die jedes Jahr insgesamt fünf Milliarden Euro Rundfunkgebühren für ARD und ZDF transportieren, auf dem Weg zur Bank überfallen könnten? Oder besteht die Gefahr darin, dass die künftig flächendeckend zwangszahlenden Fernsehbürger Deutschlands beim Googeln feststellen könnten, dass es da draußen im Internet viel Interessanteres gibt als "Tatort"-Wiederholungen, "In aller Freundschaft" und "Die Krone der Volksmusik"?"

Auch in einem anderen Punkt vergaloppiert sich die ARD-Chefin im Antrittsinterview. So sagt sie: „Wenn es die Verleger schaffen, alle ihre Apps kostenpflichtig zu machen, werde ich mich in der ARD dafür einsetzen, dass auch wir Geld verlangen." Medienjournalist Niggemeier - sonst eher auf Seiten der Öffentlich-Rechtlichen und scharfer VDZ-Kritiker - hält die Aussage für einen Skandal. Er schreibt: „Der Eindruck, den Sie hier erwecken, dass unter dem Motto „Kostenpflichtige Apps von allen" ein fairer Wettbewerb stattfände, ist falsch. Sie können die Inhalte Ihrer „Sportschau-App" aus den Gebühren finanzieren. Die Privaten können das nicht. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist per se eine Wettbewerbsverzerrung."  2) „Der Wahnsinn kehrt zurück" in Gestalt von Mark Zuckerberg

Auch mit einer Facebook-Geschichte - die andere Zeitungen ebenfalls aufgegriffen hatten - sorgte das Team um Chefredakteur Gabor Steingart für Aufsehen. Weniger wegen der gut recherchierten Hintergrund-Infos zum Einstieg von Goldman Sachs, sondern vor allen Dingen wegen der Message, die transportiert wurde. Die Headline „Der Wahnsinn kehrt zurück" suggeriert vorschnell, der Zusammenbruch eines sich überhitzenden New-Economy-Marktes stünde bevor. Dazu hat dann  Ex-Agenturchef, Investor und Ex-Facebook-Anteilseigner Thomas Heilmann in HORIZONT.NET das Notwendigste kurz und prägnant formuliert: „Anders als damals beschränken sich die enormen Bewertungen auf ganz wenige Firmen. Ich denke nicht, dass eine Korrektur dieser Bewertungen zu einem Einbruch wie 2001 führen wird." Nicht die Internet-Firmen seien das größte Konjunkturrisiko, sondern „enorme Verschuldung der Staaten, die Übertreibungen auf den Rohstoffmärkten, die nach wie vor zu hohe Liquidität im Markt und die steigende Abhängigkeit von China".3) Bodo Hombach spürt ein „Kosmisches Rauschen"

Das Thema ist nicht neu - „bezahlte Inhalte im Internet und die Schwierigkeiten der Verlage, verlorenes Publikum zurückzugewinnen" -, aber Hombach schafft es, stellvertretend für das Gros der Printhäuser und ziemlich unaufgeregt  (der mysteriösen Headline zum Trotz) das Grunddilemma der Verlage zu benennen. Dennoch verstrickt sich auch WAZ-Chef in den Fallstricken bekannter Web-Mythen. Er  benutzt zwar nicht das unselige Wort „Kostenlos-Kultur".

Doch auch Hombachs Rückblick auf den Beginn des World Wide Webs schert aus dem ideologischen Gedankengerüst vieler Verleger nicht aus. im "Handelslblatt" liest sich das folgendermaßen: „Bei zahllosen Nutzern schliff sich eine Gratismentalität ein, die fast zum Glaubenssatz wurde. Bezahlinhalte galten als Sünde wider den Geist des Webs." Was bei der Debatte über die Kostenlos-Kultur immer wieder von neuem irritiert, sind zwei Dinge: Zum einen der Umstand, dass pauschal den Konsumenten die „Schuld" an der Kostenlos-Kultur zugewiesen wird. Das ist in Social-Media-Zeiten nicht nur ziemlich altmodisch. Es ist aber auch schlichtweg falsch. Für die vermeintliche „Gratismentalität" sind  die Medien selbst verantwortlich, die ihre Inhalte kostenfrei ins Netz stellten - in der Hoffnung, Online-Werbung würde ausreichend zur Refinanzierung beitragen. Dass dem (leider) nicht so ist, wissen wir inzwischen alle.

Hombach schreibt: „Bislang reicht Werbung nicht aus, um Online-Nachrichtenseiten tatsächlich zu finanzieren." Hombachs Optimismus, der in dem Wort „Bislang" durchscheint, in allen Ehren. Aber man sollte sich eingestehen, dass selbst die zweistelligen Zuwachsraten im Online-Werbebereich never ever ausreichen werden, um die zahlreichen/zahllosen journalistischen Contentsites in die schwarzen Zahlen zu bringen. Bei starken Einzelmarken wie „Spiegel Online" oder Bild.de mag das funktionieren (Und deshalb tut Spiegel Online gut daran, bei seinem werbefinanzierten Geschäftsmodell zu bleiben). Man sollte den Einzelfall aber dann bitte nicht als Modell für alle hochjubilieren, wie das viele VDZ-Kritiker gerne machen, bei denen abwechselnd Huffington Post oder Spiegel Online zu Vorzeige-Geschäftsmodellen einer gesamten Branche werden. Doch das Netz tendiert - Long Tail hin oder her - zum Mono- oder Oligopol. Es gibt ein Amazon, ein Ebay, ein Google und ein Facebook. Und es gibt ein Spiegel Online, ein Bild.de und dann kommt der Rest, der ökonomisch oft wenig erfolgreiche mediale Long Tail. Für Medienhäuser kann es im Netz - im Gegensatz zur Printwelt mit seiner Kombination aus Anzeigen- und Vertriebserlösen - kein allgemein verbindliches Geschäftsmodell geben. Insofern ist Hombach zuzustimmen, wenn er schreibt: „Der Online-Bereich ist Experimentierfeld. Es werden noch sehr unterschiedliche Preissysteme getestet werden, bevor sich tragfähige Geschäftsmodelle etablieren." vs
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