Kommentar: Wo bleibt das Selbstbewußtsein?! Verlage in der Mitleidsfalle

Freitag, 21. August 2009

Seit geraumer Zeit hadern Medienhäuser mit den bestehenden Erlösmodellen der digitalen Welt, Aussicht auf Besserung scheint nicht in Sicht. Doch der Anti-Google-Reflex kann das Nachdenken über eigene Geschäftmodelle nicht ersetzen, meint HORIZONT-Chefredakteur Volker Schütz in seinem Kommentar - sonst kommen die Medien nie mehr aus der selbst verschuldeten Mitleidsfalle raus (mehr zum Thema in HORIZONT 34/09). Auweia. Google hat sich mit einer Antwort auf die Sticheleien und Angriffe der Medienhäuser Zeit gelassen. Die Antwort via „Spiegel" folgte umso vehementer. Europa-Chef Philipp Schindler erzählt dort zwar nichts grundsätzlich Neues. Aber der Ton macht bekanntlich die Musik, und die „Musik" von Medien und Google ist derzeit eine einzige Kakophonie. Zwischen Arroganz („Ich würde mich freuen, wenn die Verlage die Energie, die sie heute in die Angriffe auf Google investieren, darauf verwenden würden, erfolgreichere Geschäftsmodelle im Netz zu entwickeln") und Mitleid („Wir nehmen die Sorgen ja ernst") lässt Schindler keinen Spielraum für Entgegenkommen: Ein 38-jähriger Manager erklärt den Verlegern - an deren Spitze der 69-jährige Grandseigneur Hubert Burda steht - die (digitale) Welt.

Und man muss Schindler zugestehen: In der Sache hat er so Unrecht nicht. Das Trauma der Medien besteht ja nicht nur darin, dass sie die Informations- und Deutungshoheit über das Geschehen in der Welt in Teilbereichen verloren haben. Viel schmerzhafter ist der Verlust des Distributionsmonopols auf Informationen und Meinungen. Dank Internet kann heutzutage jeder Depp Verleger werden, ohne ein ideelles Ziel („Vierte Gewalt") zu verfolgen oder über unternehmerische Ambitionen zu verfügen. Dies lässt sich nicht rückgängig machen. Daran trägt Google keine Schuld, es profitiert aber in hohem Maße von dieser neuen Medien-Ökonomie.

"Mitleid", hat Friedrich Nietzsche formuliert, „ist das angenehmste Gefühl bei solchen, welche wenig stolz sind und keine Aussicht auf große Eroberungen haben." Die klassischen Medienhäuser müssen aufpassen, dass sie nicht in diese Mitleidsfalle gehen. Und sie müssen damit aufhören, unterschiedliche Geschäftsmodelle als die einzig wahren zu verkaufen. Es darf nicht heißen: Paid Content oder werbefinanziertes Angebot, sondern beides (und vieles mehr) muss und wird möglich sein. Für Medien gibt es im Netz kein universell gültiges Businessmodell mehr. Das Gesamtbild, das sich aus Mosaiksteinen ergibt, wird sich von Verlag zu Verlag, von Segment zu Segment unterscheiden. Auch Geschäfte mit Google werden möglich sein - und vielleicht wird eines Tages ein Verleger dem Mitbewerber Google erklären, welche Bedeutung Content in der digitalen Welt hat.
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