Kommentar: Warum private TV-Nachrichten ein Verlustgeschäft sind

Freitag, 04. Dezember 2009

Auf die Frage nach der Legitimation des öffentlich-rechtlichen Gebührensystems antwortet fast jeder reflexartig: die Nachrichten. "Tagesschau" und "Heute" sind die Flaggschiffe des TV-Journalismus. Immer mal wieder modernisiert und sich trotzdem treu geblieben, als publizistische Macht und unverzichtbares Aushängeschild der Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland. Ohne die Nachrichten auf ARD und ZDF wären die umfassende Information, die sachliche Einordnung des Weltgeschehens und damit fast das ganze Abendland verloren. Dann gäbe es nur noch Meuchelmorde, nackte Tatsachen und die Sieger von Casting-Shows im Programm. Und warum? Weil die Privaten es nun mal einfach nicht besser können und auch nicht wollen. Aber ist das wahr? Hier ein Plädoyer dafür, warum auch private Sender Nachrichten auf hohem Niveau produzieren könnten und eine Erklärung dafür, warum sie es unter den gegebenen Umständen nicht können.

Pro Sieben Sat 1 und die Mediengruppe RTL agieren nicht auf einem funktionierenden Markt, sondern auf einem mit einer harten, etablierten und überaus anerkannten gebührenfinanzierten Konkurrenz - quasi ein Duopol mit staatlicher Bestandsgarantie. Rund 7,6 Milliarden Euro bekommen ARD, ZDF und Deutschlandradio in diesem Jahr. Davon finanzieren sie Sender wie Das Erste, ZDF Neo und Phoenix und Radiosender von Eins Live bis zu Bayern 4. Sie stellen ein riesiges Angebot an Informationen bereit - für den Zuschauer gefühlt "kostenlos". Dem treten die privaten Sender mit ihrem ebenfalls umfangreichen Angebot entgegen. Für den Zuschauer gefühlt ebenso kostenlos, auch wenn die Sender das Angebot mit gerade mal 4 Milliarden Euro Werbeeinnahmen refinanzieren müssen - Tendenz sinkend.

„ Solange gebührenfinanzierte Anbieter die Aufmerksamkeit der Nation binden, bleiben die Reichweiten der privaten News als Basis für Werbeeinnahmen begrenzt.“
Wenig ist so teuer, wie die Produktion von hochwertigen Nachrichten. Ein Korrespondentennetzwerk rund um die Welt mit der entsprechenden Technik will erstmal bezahlt werden. Rein über Werberlöse ist das schwierig, denn die Preise bemessen sich nach der Reichweite. Solange gebührenfinanzierte Anbieter die Aufmerksamkeit der Nation binden, bleiben die Reichweiten der privaten News als Basis für Werbeeinnahmen begrenzt. Hinzu kommt, dass Nachrichten eine ernste Sache sind und deshalb auch nicht für Werbung unterbrochen werden dürfen. Die Einnahmemöglichkeiten sinken weiter. Die Folge: Nachrichten rechnen sich nicht.

Außer Werbeeinnahmen gibt es aber theoretisch noch eine zweite Einnahmequelle: Aboerlöse. Dazu, wie schwer es ist, in Deutschland Pay-TV-Modelle zu etablieren, ist schon eine Menge geschrieben worden. Auch hier kreist alles wieder um die ungleiche Konkurrenzsituation. Es ist wie im Internet: Solange die gebührenfinanzierten Inhalte "frei" empfangbar sind, können private Anbieter von der Bereitschaft der Zuschauer, für Inhalte wie Nachrichten zusätzlich zu bezahlen, nur träumen. Der Markt ist einfach dicht. Für die Privatsender bleiben nur die bunten Formate, um sich von den Öffentlich-Rechtlichen zu differenzieren - und sie ernten dafür auch noch Schelte.

Doch was wäre, wenn alle unter gleichen Bedingungen produzieren würden, soll heißen ohne milliardenschwere Zwangs-Pay-TV-Gebühren? Würde es dann noch Nachrichten geben? Aber natürlich! Sogar wohl bessere und vielfältigere als bisher. Denn solange Menschen Nachrichten nachfragen, stellt ein Wettbewerbsmarkt diese zur Verfügung. Wie am Zeitungskiosk: Mangels öffentlich-rechtlicher Konkurrenz können hier private Verlage jede Informationsnachfrage befriedigen.

„ Keiner derer, die mit viel Herzblut für den Erhalt des öffentlich-rechtlichen Systems kämpfen, hat je eine gebührenfinanzierte, überall - gefühlt wieder kostenlos - verteilte Tagesszeitung gefordert. “
  Keiner derer, die mit viel Herzblut für den Erhalt des öffentlich-rechtlichen Systems kämpfen, hat je eine gebührenfinanzierte, überall - gefühlt wieder kostenlos - verteilte Tagesszeitung gefordert. Warum eigentlich nicht? Die Chancen etwa von "Süddeutsche Zeitung" und "Frankfurter Allgemeine Zeitung" sich zu refinanzieren würde dramatisch sinken, wenn sie öffentlich-rechtliche Konkurrenz bekämen.

Die privaten Sender unter den derzeitigen Gegebenheiten zu zwingen, Nachrichten zu produzieren, kommt einem Hohn gleich - und dem Zwang Verluste zu produzieren. Denn es gibt sie eben, die Nachrichten auf ARD und ZDF - für jeden verfügbar. Die Menschen binden sich nicht an Sender, sondern an Formate. Der aktuelle Vorstoß der Politiker in der "SZ" tut so, als hätte die Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe einen Zuschauerstamm, auf den nur sie alleine zugreifen kann und der von der Welt abgeschnitten wäre, wenn der Konzern keine Nachrichten mehr senden würde. Aber der Zuschauer ist eben ein furchtbar untreues und unberechenbares Wesen. Er stellt sich sein Programm selbst zusammen. Er schaltet um und sogar ab. Wenn er Nachrichten sehen will, zappt er einfach von einem nachrichtenfreien Pro Sieben weg. Zum Beispiel zur "Tagesschau". Und kommt zu "James Bond" wieder zurück. Deshalb beginnt die Primetime erst um 20.15 Uhr. Wenn die "Tagesschau" zu Ende ist.  pap
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