Kommentar: Das kann der Zeitungskongress von der Dmexco lernen

Mittwoch, 22. September 2010
Die Expertenrunde diskutierte über die Expansionspläne von ARD und ZDF
Die Expertenrunde diskutierte über die Expansionspläne von ARD und ZDF
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Zeitungskongreß Dmexco Lidl


Wer den Zeitungskongress besucht, nachdem er wenige Tage zuvor auf der Digitalmarketing-Messe Dmexco war, hat das Gefühl, auf einem anderen Planeten zu landen. Zum einen ist die Stimmung innerhalb der beiden Branchen komplett verschieden. Während sich die konjunkturelle Erholung in der digitalen Wirtschaft spürbar niederschlägt und die Onliner voll Euphorie in die Zukunft blicken, ist die Atmosphäre im Verlagsbusiness immer noch gedrückt. Aber auch die Veranstaltungen selbst könnten unterschiedlicher nicht sein. Dabei kann sich der Zeitungskongress von der Dmexco durchaus das ein oder andere Scheibchen abschneiden: 1. Integration der Werbewirtschaft: Um möglichst lebendige und marktrelevante Debatten zu provozieren, haben die Organisatoren der Digitalmesse darauf geachtet, dass in jedem Panel mindestens ein Vertreter eines werbungtreibenden Unternehmens sitzt. Beim gesamten Zeitungskongress war dagegen auf dem Podium nicht ein einziger Werbekunde präsent. Warum lädt der Verband beispielsweise Lidl und andere Handelsunternehmen nicht einfach ein, um in großer Runde zu diskutieren, warum sie verstärkt in andere Medien investieren? Stattdessen bleiben die Verleger unter sich und lamentieren über die sinkenden Printbudgets im geschlossenen Kreis - ähnlich wie der Pfarrer, der sich in der Kirche bei den frommen Messgängern über das Fernbleiben der Sünder beschwert. Dabei wäre das Event gerade die ideale Plattform, um sich auszutauschen, Kritik an der eigenen Gattung zuzulassen und sich somit langfristig zu verbessern.

2. Noch mehr Business-Relevanz: Die Dmexco hat das erklärte Ziel, das Geschäft der Digital-Unternehmen anzukurbeln. Daher ist das Hauptkriterium bei der Wahl der Aussteller und Inhalte die Relevanz für den Markt. Dies sollte sich auch der BDZV angesichts der schrumpfenden Anzeigenerlöse zu Herzen nehmen. Der Zeitungskongress ist für die Printhäuser das wichtigste Event des Jahres und da muss es genügend Raum für wirtschaftlich relevante Diskussionen geben. Stattdessen hat der Zeitungsverband einen ganzen Nachmittag für die Debatte um das Thema "Zeitung, Politik, Kirche: Opfer oder Retter unserer Gesellschaft?" gewidmet. Natürlich ist es wichtig, über die Rolle der Printmedien zu diskutieren. Aber gibt es derzeit nicht akutere Probleme? Warum tauschen sich die Verlage auf dem Podium beispielsweise nicht noch stärker über neue Vermarktungsmodelle, Werbeformen und Produkte aus?

3. Mehr Interaktionsmöglichkeiten: Das Internet ist das interaktivste Medium und das spiegelt sich auch auf der Dmexco wider. Bei jedem Panel besteht die Chance für die Zuhörer, per SMS Fragen an den Moderator zu schicken oder sich durch Abstimmungen zu beteiligen. Beim Zeitungskongress sind Wortmeldungen aus dem Publikum dagegen nur in manchen Panels vorgesehen. Ausgerechnet bei der kontroversen Debatte um die Expansionspläne der Öffentlich-Rechtlichen war dies nicht der Fall. Stattdessen wird überwiegend die klassische Einwegkommunikation betrieben. Einige wenige reden vorne auf dem Podium, der Rest hört zu - oder surft per Smartphone im Internet.

Keine Frage, Kritik am Zeitungskongress ist Jammern auf hohem Niveau. Das Podium ist prominent besetzt und exzellente Beiträge wie die Studie der Unternehmensberatung Schickler zu Verlagskooperationen liefern Einblicke in die aktuelle Situation der Verlagswirtschaft. Allerdings muss es davon noch mehr geben. Das würde dem Markt neue Impulse geben und auch die öffentliche Wahrnehmung des Zeitungskongresses stärken. bn
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