"Keine Markenführung möglich, maßlos überschätzt": UIM-Vorstand Matthias Ehrlich wettert gegen Facebook & Co

Dienstag, 22. Juni 2010
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Kampf der Systeme: Die klassischen Online-Vermarkter bringen sich gegen Facebook in Stellung. Matthias Ehrlich, Vorstand von United Internet Media (UIM), führt das Wort. Matthias Ehrlich ist Vorstand von United Internet Media, der aktuellen Nummer 3 im Ranking der deutschen Online-Vermarkter. Und er ist Vizepräsident des Bundesverbands Digitale Wirtschaft. Das, was er sagt, hat Gewicht. Vor zwei, drei Jahren hatte sich der Mann, der gerne mit offenem Visier kämpft, regelmäßig Google zur Brust genommen. In diesem Jahr sind die Social Networks ein Dorn im Vermarkterauge Ehrlichs.

Seine Schimpfkanonade Richtung Social Web geht so: "Es gibt Bereiche, in denen klassische Onlinewerbung einfach schlecht funktioniert. In sozialen Netzwerken wird selten ein konkretes Thema verfolgt. In einer Welt, wo hauptsächlich 'gequatscht' wird, ist keine gezielte Markenführung möglich. Facebook-Fanseiten und Co werden maßlos überschätzt", wettert Ehrlich. Das klingt, mit Verlaub, so ein bisschen wie die intellektuellere Variante von Jean-Remy von Matts Tirade wider die  "Klowände des Internets", umgangssprachlich auch Blogs genannt. Warum nun der Ausbruch von Ehrlich? Einfache Antwort: Weil Facebook sich zu einem weiteren ernsthaften Konkurrenten der klassischen Online-Vermarkter á la UIM, Tomorrow Focus und Interactive Media entwickeln wird. Lange Zeit galten die StudiVZ und Facebooks dieser Welt als zwar reichweitenstarke, aber für die Werbeindustrie irrelevante Page-Impression-Friedhöfe: Zuviel Geschwätz, zu wenig Relevanz. Das hat sich geändert. Nach einer Erhebung von Google ist Facebook mit 540 Millionen Besuchern monatlich die mit Abstand beliebteste Website. Das haben inzwischen selbst die wertkonservativsten Marketing-Manager schweren Herzens zur Kenntnis nehmen müssen:  Wer mit Menschen, also den Käufern von Produkten oder Dienstleistungen, dauerhaft kommunizieren will, kommt um Social Networks nicht herum.

Das wiederum könnte dem derzeit gut verlaufenden Geschäft der Display-Spezialisten mittelfristig ganz schön schaden.  Erst hat Google verhindert, dass die Wachstumsraten der klassischen Display-Vermarkter noch weiter in die Höhe schießen. Jetzt kommt das Unternehmen eines 26-jährigen US-Twens und bedroht das Geschäft mit Bannern, Video Ads und Performance-Ads. Zumal der deutsche Zuckerberg-Statthalter Scott Woods im Antrittsinterview in HORIZONT deutlich gemacht hat, was Sache ist. In Richtung Agof (die am Donnerstag dieser Woche ihre refomierte Reichweitenstudie präsentiert) tönte Woods beispielsweise: „Die Agof soll, grob gesprochen, mittels regelmäßiger Umfragen helfen, Mediaentscheider mit den genauen Nutzungsdaten der Mitglied-Websites zu versorgen. Diese Daten haben wir bereits und die sind viel genauer, weil sie nicht über eine Befragung, sondern von den Nutzern selbst generiert werden. Zum anderen lassen sich aber die Werbemittel, um die es letztlich geht, nicht miteinander vergleichen. Unser Engagement Advertising hat mit Display-Werbung nichts zu tun. Deshalb haben wir derzeit auch keinen Bedarf, der Agof beizutreten." Und in Richtung Markenartikelindustrie sagt der deutsche Facebook-Chef: „Die Marken müssen dort hingehen, wo die Menschen sind."

Das war im März 2010. 3 Monate später antwortet Ehrlich: „Als Markenverantwortlicher muss man Millionen Menschen ansprechen, da reicht es nicht, 5.000 Leute auf einer Fanseite zu haben." vs
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