"Kein Befreiungsschlag": Die Reaktionen der Medien auf das Wulff-Interview

Donnerstag, 05. Januar 2012
Christian Wulff erklärte sich gegenüber ARD und ZDF (Bild: Screenshot von ARD.de)
Christian Wulff erklärte sich gegenüber ARD und ZDF (Bild: Screenshot von ARD.de)

Das mit Spannung erwartete Interview mit Bundespräsident Christian Wulff beherrscht heute die Nachrichtenseiten. Tenor der meisten Kommentare: Der angeschlagene Bundespräsident konnte sich nicht freischwimmen. HORIZONT.NET hat zusammengetragen, wie deutsche Medien auf Wulffs Erklärung reagieren.

Roland Nelles auf Spiegel Online:

"Wulffs Auftritt zur besten Sendezeit bei ARD und ZDF hat etwas erschreckend Banales. Zu besichtigen ist keine präsidiale Lichtgestalt, sondern ein Präsident, der förmlich um Gnade bettelt. Statt wirklich aufzuklären, simuliert er Transparenz, Offenheit, Ehrlichkeit - 21 Minuten lang. Das ist nicht einmal Staatsschauspiel, das ist Osnabrücker Puppentheater. (...) An wirklicher Offenheit ist er nicht interessiert. Zwar entschuldigt er sich für Fehler. Doch im gleichen Atemzug stilisiert er sich zum Opfer, verfolgt von angeblich so grausamen Journalisten, die in seine Privatsphäre eindringen und sogar wissen wollen, wer das Hochzeitskleid seiner Frau bezahlt habe. Die Botschaft seines Auftritts lautet: Seht her, ich bin ein guter Präsident, und meine Kritiker übertreiben maßlos. Das ist dreist, war aber nicht anders zu erwarten. Wulff mimt einmal mehr die Unschuld vom Lande. Spätestens seit seinen "Ich bin der Präsident"-Anrufen beim Springer-Verlag müsste nun auch dem Letzten klar sein, dass er so ganz unschuldig nicht ist. Aber wen interessiert's?"

Ulrich Becker auf Bild.de

"Nein, dieser 21 Minuten kurze Auftritt war kein Befreiungsschlag. Christian Wulff hat die letzte Karte gezogen: Menschen machen Fehler und aus diesen Fehlern wolle er lernen, erklärte der Bundespräsident reumütig im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Er sei als Bundespräsident ins kalte Wasser geschmissen worden – das höchste Amt im Staate als Lehrberuf? Nein, an dieser Stelle war nicht allein zerknirschte Rechtfertigung, sondern wahrhaftige Aufklärung gefragt. Doch die ist Christian Wulff sowohl zu seinem Anruf bei BILD als auch zu seinen umstrittenen Hauskrediten schuldig geblieben."

Heribert Prantl auf sueddeutsche.de

"Er ist ein Präsident Laokoon - einer, der sich in seinen Widersprüchen verwickelt hat, von ihnen gewürgt wird und sich mit einer und noch einer öffentlichen Erklärung Luft zu verschaffen sucht. Er ist ein Präsident, der sich in seiner Schwäche an seinem Amt festhält, weil ihm das Amt den Halt gibt, den er ansonsten nicht hat. Der Bundespräsident übt, so steht es im Grundgesetz, das Gnadenrecht aus; Wulff ist der erste Bundespräsident, der sich selbst begnadigt."

Gordon Repinski auf taz.de

"Wulff wirkt in dem Gespräch mit Bettina Schausten und Ulrich Deppendorf angespannt, angefasst. Öfter verwendet er das Bild vom Innersten, dass er nach Außen kehre. An diesem Abend sieht man keinen Bundespräsidenten sprechen. Sondern einen wankenden Politiker, der sein Amt weiter ausüben will."

Torsten Krauel auf Welt.de

"Es war kein durchweg souveräner Auftritt. Wulff hat noch einmal eine Entschuldigung ausgesprochen, diesmal für den Umgang mit der Presse. Eine weitere Runde von Entschuldigungen möge dem Land erspart bleiben. Stattdessen möge der Bundespräsident zeigen, welche Qualitäten noch in ihm stecken. Die Weisheit, den richtigen Maßstab für Besonnenheit unter schwerem Druck zu finden, sei Christian Wulff zu wünschen. Er hat nur noch eine einzige Chance."

Hajo Schumacher auf Morgenpost.de

"Nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik hat sich das Staatsoberhaupt in ein Fernsehstudio begeben, um Auskunft zu geben über Immobilienkredite, Wuttelefonate und die Frage, ob ein Abendkleid gekauft, geliehen oder gar geschenkt sei. Ob Theodor Heuss, Richard von Weizsäcker oder Johannes Rau – unvorstellbar, dass einer von Wulffs Vorgängern vom Dienstsitz hinab in ein puffig-rotes Studio geklettert wäre. Für Wulff war es die letzte Chance. Aus Finanzierungstricksereien war längst eine Eignungsdebatte geworden. Die Frage, die Wulff zu beantworten hatte: Besitzt dieser Präsident einen Hauch Restautorität, der einen Verbleib im Amt denkbar erscheinen lässt?"

Alexander Kissler auf Cicero.de

"Was hat den armen, den schlingernden Bundespräsidenten in diese peinliche Lage gebracht? Auf jeden Fall die dringende Erkenntnis, nur durch eine solche beispiellose Tat sein Amt retten zu können – woraus unmittelbar folgt: Die gleich zu Beginn der 20-minütigen Bekenntnisschlacht als Zeugen der Weltgeschichte aufgerufenen „Bürgerinnen und Bürger, Freunde und auch Mitarbeiter“ können in ihrem von Wulff rapportierten Begehren, ihn noch möglichst lange im Amt zu sehen, nicht gar so repräsentativ sein. Hätte er sich dieser Tortur unterzogen, ginge es nur darum, ein kleines Häuflein Querulanten und Nörgler zufriedenzustellen? Wohl kaum."

Thomas Schmoll auf FTD.de

"21 Minuten hatte Wulff Zeit, seinen Job zu retten. Das Interview war seine letzte Chance, reinen Tisch zu machen und die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass er doch für Offenheit, Transparenz und Wahrheit steht. Fehlanzeige auf ganzer Linie. Wulff hat all das bestätigt, was ihm seine Kritiker zu Recht vorwerfen: Er ist ein Provinzpolitiker, Salamitaktiker und als Staatsoberhaupt überfordert. Sein Verhalten - insbesondere das denkwürdige Interview am Mittwochabend - erinnert an die Strategie von Karl-Theodor zu Guttenberg in der Plagiatsaffäre. Auch der gefallene CSU-Star setzte auf Salamitaktik und gab immer nur das zu, was ihm sowieso gerade nachgewiesen wurde."
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