"Journalistisch unseriös": Wie der Fall Brüderle für den "Stern" zum Bumerang wird

Freitag, 25. Januar 2013
Aus dem Herrenwitz wurde ein handfeste Debatte über Sexismus im Alltag
Aus dem Herrenwitz wurde ein handfeste Debatte über Sexismus im Alltag


Die Kritik an dem Artikel des "Stern" über Rainer Brüderle reißt nicht ab. Die altgediente Politik-Journalistin Wibke Bruhns bezeichnet die Berichterstattung des Magazins in einem Interview als "journalistisch unseriös", Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart fordert, man solle nach den "Bonsai-Affären" endlich wieder über Politik reden. Derweil hat sich die Debatte über den alltäglichen Sexismus längst vom konkreten Fall Brüderle abgekoppelt.
Alles halb so wild? Die ehemalige "Stern"-Journalistin Wibke Bruhns übt in gleich zwei Interviews mit der "Süddeutschen Zeitung" und dem "Tagesspiegel" Kritik am Portät des "Stern" über den FDP-Politiker Rainer Brüderle. "Die Geschichte ist journalistisch unseriös", sagt die 74-Jährige gegenüber dem "Tagesspiegel". "Die FDP hat einen neuen Spitzenkandidaten, das ist das Thema - und nicht die Probleme von Frau Himmelreich mit Herrn Brüderle. Der 'Stern' hat hier eindeutig aus Kalkül gehandelt, um Schlagzeilen zu machen."

In der "Süddeutschen Zeitung" kritisiert die Journalistin außerdem, dass sich die Autorin mit der Schilderung der Episode, die sich vor einem Jahr in einer Stuttgarter Hotelbar ereignet hat, selbst zu sehr in den Fokus gerückt hat: "Es ist unproportioniert, wenn sie die Geschichte mit genau dieser Szene beginnt. Da bekommt das eine Wichtigkeit, die es nicht hat, wie ich finde. Das ist mir zu sehr die Autorin und zu wenig Herr Brüderle. Ich tu mich schwer mit dieser Subjektivität bei Geschichten über Menschen." Zugleich räumt Bruhns aber auch ein, anders sozialisiert worden zu sein. "Ich kam als Person nie vor. Das war ein Sakrileg. Ich weiß, dass es heute anders ist und man es nicht mit den Bannstrahl belegen sollte - nur, ich erfahre eigentlich nichts über Herrn Brüderle."

"Handelsblatt"-Chefredakteur Gabor Steingart plädiert in seinem Morning-Briefing dafür, wieder zur Tagesordnung überzugehen: "Mit zweideutigen Herrenwitzen soll FDP-Sturmspitze Rainer Brüderle eine Stern-Redakteurin behelligt haben. Auch gegenüber einer schleswig-holsteinischen Milchkuh sei der FDP-Fraktionschef mit der Bemerkung Körbchengröße 90 L negativ aufgefallen, berichtet die Illustrierte. Jetzt fehlt nur noch, dass Stern-Chefredaktion und der Verband der Milchbauern einen Untersuchungsausschuss des Bundestages fordern. Vorschlag zur Güte: Vielleicht sollte man nach all den Bonsai-Affären mal wieder über Politik reden."

Unterdessen hat sich die Debatte über den alltäglichen Sexismus längst vom Fall Brüderle abgekoppelt. Unter den Hashtags #Aufschrei und #Scham schildern auf Twitter Menschen ihre persönlichen Erfahrungen mit Sexismus im Alltag. Patricia Dreyer, Chefin vom Dienst bei Spiegel Online, hat den Fall Brüderle zum Anlass für einen Kommentar über den alltäglichen Sexismus genommen.

Bei aller berechtigten Kritik am "Stern": Das Magazin hat es endlich wieder einmal geschafft, eine öffentliche Debatte anzustoßen - auch wenn sie in dieser Form sicher nicht unbedingt beabsichtigt war. Die Diskussion dürfte auch in der kommenden Woche weitergehen: Am kommenden Montag diskutiert Thomas Leif in seiner Sendung "2+Leif" im SWR über das Thema "Hassliebe - Politik und Medien unter der Gürtellinie". dh
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