Jahresrückblick 2006: Medien

Donnerstag, 21. Dezember 2006

Mann der Stunde
Im Mai 2004 erklimmt der Belgier Guillaume de Posch, 48, die Spitze des TV-Konzerns Pro Sieben Sat 1 Media – und bewegt einiges: Nach drei Minus-Jahren steigt der Umsatz 2004 gegen den Markttrend wieder. Auch in der Zuschauergunst und im Werbemarkt zeigt die Kurve nach oben. Im Auftrag des US-Investors Haim Saban saniert de Posch die Sendergruppe so erfolgreich, dass die Investoren Schlange stehen. Mit dem jetzigen Verkauf an KKR und Permira geht das Geschäft des Jahres über die Bühne. Kein Wunder, dass die neuen Eigner den Vorstandschef halten wollen. Streit hat Saison
Als Stan Sugarman, oberster Anzeigenvermarkter von G+J, im HORIZONT-Interview verkündet, saisonal gestaffelte Werbepreise einzuführen, steht die Branche Kopf: Die übrigen Verlage schwanken im Stillen zwischen Für und Wider, die Mediaagenturen sind umso lautstärker dagegen. Sie befürchten versteckte Preiserhöhungen und aufwendigere Planung. Die Saisonpreise kommen trotzdem – auf breiter Front.

Kleine ganz groß
Die Gratiszeitungen sind da. Wenn auch nicht in der ganz klassischen Variante. „Business News“ (Verlagsgruppe Handelsblatt) trägt das Etikett einer „Office Zeitung“, die ebenfalls kostenlose „Sporttageszeitung“ (Deutscher Sportverlag) geht mit Lufthansa an Bord. Beide machen sich hübsch klein: Das Tabloid-Format liegt im Trend, wie „Welt Kompakt“ und andere Zeitungsableger zeigen.

Hochglanz-Angriff
Condé Nast wird ab Februar 2007 das Society- Magazin „Vanity Fair“ auch in Deutschland herausbringen. Mit geschätzten Investitionen von 60 bis 70 Millionen Euro und einer Zielauflage von 120.000 Heften will Verlagschef Bernd Runge jeden Donnerstag die „moderne Leistungselite“ erreichen. Eine nett verpackte Kampfansage an Platzhirsche wie Burda („Bunte“) und Gruner + Jahr („Stern“, „Park Avenue“, „Gala“). G+J kontert: Derzeit wird unter dem Arbeitstitel „Neues Deutschland“ ein eigenes Hochglanz-Magazin entwickelt.

Unermüdlich
Bei den Lead Awards wird die Gruner + Jahr-Zeitschrift „Neon“ zum Magazin des Jahres gekürt. Auf diesen Lorbeeren ruht sich das Heft nicht aus, sondern steigert seine Leistung in diesem Jahr kontinuierlich: Gegen den allgemeinen Trend verzeichnet „Neon“ monatlich mehr Abonnenten, mehr Anzeigenseiten und mehr verkaufte Hefte. Und das Ganze verknüpft mit einem sehr gut besuchten Internetauftritt, der einer regen Community eine Plattform bietet.

Neue Vielfalt
Jedem Tierchen sein Pläsierchen: Immer mehr Spartenkanäle buhlen um die Gunst immer kleinerer Zielgruppen. Auch die beiden großen Senderfamilien Pro Sieben Sat 1und RTL starten mehrere digitale Kanäle. Beim Beratungssender Help TV darf Jürgen Fliege wieder auf Sendung und mit Würfelzucker TV und I Music 1 gibt es wieder echtes Musikfernsehen.

Welt-Verbesserer
Christoph Keese, 42, führt „Deutschlands größten integrierten Newsroom“, in dem 400 Journalisten der Zeitungen „Welt“, „Welt Kompakt“, „Welt am Sonntag“, „Berliner Morgenpost“ und deren Internet-Ablegern seit Mitte November zusammenarbeiten. Keese ist Sprecher einer dreiköpfigen Chefredaktion und soll das Prinzip „Online First“ zur gelebten Praxis machen. Der eloquente Ex-Assi von G+J-Chef Bernd Kundrun will beweisen, dass „Qualitätsjournalismus nicht mehr nur ans Papier gebunden ist“. Unter der Regie des früheren „FTD“-Chefredakteurs werden alle Inhalte gebündelt und medienübergreifend für Print, Online, Video, Mobildienste und Podcasts produziert. Gut zweieinhalb Jahren nach seinem Wechsel zu Axel Springer ist Keese heute einer der wichtigsten Medienmacher im Konzern.

Quoten-Hoffnung
Ab Januar übernimmt Matthias Alberti, 43, als Geschäftsführer bei Sat 1 das Ruder von Roger Schawinski. Den Schweizer hat nach dem Höhenflug der Telenovela „Verliebt in Berlin“ zuletzt das Quotenglück verlassen. Alberti ist seit 2002 bei Sat 1 und beweist mit Erfolgsformaten wie „Lenßen & Partner“, „Pastewka“ und „Clever“ ein gutes Händchen. Das wird der Hüne auch weiterhin brauchen, um den Rückstand zu RTL wieder zu verkürzen.

Promi-Macher
Abschied von Burda: Nach fast 13 Jahren verlässt Philipp Welte, 44, das Münchner Medienhaus. Der Intimus von Verleger Hubert Burda sieht seine Aufgaben als Chef der Burda People Group („Bunte“, „Instyle“, „Amica“, Starstyle.TV) als erledigt an und will anderswo „in See stechen“. Über einen Umstieg auf den Großdampfer Axel Springer wird heftig spekuliert. Bei Burda hinterlässt der Medienmanager Welte eine gute Bilanz. Außerdem versteht er sich glänzend auf „Reh-Sozialisierung“: Zusammen mit „Bunte“-Chefin Patricia Riekel hat er den traditionsreichen Medienpreis „Bambi“ zum Top- Ereignis der Promis gemacht.

Den Quoten auf der Spur
Die US-Serie „CSI: Den Tätern auf der Spur “ ist für die RTL-Gruppe ein echter Glücksgriff: Bei Vox bringt die Krimi-Serie schon seit Jahren Top-Quoten. Als Geschäftsführerin Anke Schäferkordt von Vox zu RTL wechselt, nimmt sie „CSI Miami“ gleich mit. Hier holt die Serie 2006 durchschnittlich 24 Prozent Marktanteil und pusht bei Vox auch die Originalserie. Im November verleibt sich RTL auch „CSI“ ein. Vox bleibt immerhin der letzte Ableger „CSI NY“ erhalten. Mit einer Doppelfolge knackt der Sender im Oktober die 20-Prozent-Marke.

Abgeschminkt
Es hat nicht sollen sein: Nach nur sechs Ausgaben nimmt G+J seine junge Frauenzeitschrift „Bym“ im Juni vom Markt. Das ambitionierte Monatsmagazin, das zuvor ähnlich glücklos unter dem Titel „Brigitte Young Miss“ erschienen war, kommt nur mit massiver Werbeunterstützung in die Nähe seiner Zielauflage. Trotzdem haben die Mädels von heute „Bym“ noch auf dem Schirm: Im Internet lebt die Marke weiter.

Doppelter Blackout
Der Name ist Programm: Mit dem Krimi-Vierteiler „Blackout“ erlebt Sat 1 ein Quoten-Desaster. Von der Kritik hoch gelobt, vom Publikum weitgehend ignoriert, verbannt Sat 1den Thriller nach den ersten zwei Folgen kurzerhand ins Nachtprogramm. Die erste Folge erreicht nur knapp mehr als eine Million Zuschauer und bleibt damit deutlich unter Senderschnitt. Auch die Taktik, die Serie mit nur wenigen Tagen Verzögerung auf Kabel 1zu wiederholen, geht nicht auf. Dort kommt zum Quoten-Pech auch noch eine dicke Panne hinzu: Der Sender strahlt die erste Folge versehentlich zweimal aus.
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