Investigativ-Teams: Was steckt hinter den Gründungen von Rechercheressorts?

Donnerstag, 22. Juli 2010
David Schraven leitet seit knapp zwei Monaten das Recherche-Team der WAZ
David Schraven leitet seit knapp zwei Monaten das Recherche-Team der WAZ

Während in den USA bereits seit Jahrzehnten Investigativ-Teams in den Strukturen der meisten Redaktionen fest verankert sind, waren Recherchejournalisten hierzulande bislang exotische Einzelkämpfer. Bislang - entdecken doch aktuell auch immer mehr deutsche Medienhäuser die Relevanz von journalistischen Einsatzkommandos. So hat beispielsweise am 1. Juni beim Nachrichtenmagazin "Stern" von Gruner + Jahr ein Rechercheressort seine Arbeit aufgenommen. Unter der Leitung von Oliver Schröm werden künftig fünf gestandene Journalisten nach exklusiven Geschichten graben. Zum 1. September starten zudem die Investigativ-Teams der Welt-Gruppe von Axel Springer und der Nachrichtenagentur DDP. Auch Wolfram Weimer, Nachfolger von Helmut Marktwort als "Focus"-Chefredakteur, hat jüngst die Gründung einer Recherchetruppe angekündigt. Bei der WAZ Mediengruppe wurde ein solches Team im Zuge der Umstrukturierungen vor rund einem Jahr ins Leben gerufen.

Was sind die Gründe für diesen Trend? Wie arbeiten die Teams im redaktionellen Alltag? Darüber hat HORIZONT.NET mit den Verantwortlichen gesprochen. bn

Lesen Sie im Folgenden Interviews mit Jan-Eric Peters ("Welt"), David Schraven (WAZ-Gruppe), Cord Dreyer und Olaf Jahn (beide DDP) und Oliver Schröm ("Stern").


Jan-Eric Peters, Chefredakteur Welt-Gruppe

Jan-Eric Peters
Jan-Eric Peters
Im Mai hat Mathias Döpfner angekündigt eine Million Euro in investigativen Journalismus zu investieren. Fließt dieses Budget nun komplett in das neue Investigativ-Team der "Welt" oder gibt es noch weitere Einsatzgebiete?

Das neue Investigativ-Ressort der Welt-Gruppe und der kürzlich von Mathias Döpfner angekündigte Sonderetat für investigative Recherche in Höhe von einer Million Euro stehen in keinem direkten Zusammenhang. Die Gründung des Investigativressorts ist eine Entscheidung der Chefredaktion und wird von der Welt-Gruppe selbst finanziert. Über die Verteilung der Mittel aus dem angesprochenen Sonderetat für einzelne Redaktionen der Axel Springer AG wird projektbezogen entschieden.

Wie wird sich das siebenköpfige Investigativ-Team der "Welt" zusammensetzen?
Drei Reporter aus dem Bereich gibt es bereits, vier Stellen sind neu, also zusätzlich und neu zu besetzen. Es gibt interne wie externe Bewerber. Ansonsten gilt für die Mitarbeiter dieses Teams, was für alle Redaktionsmitglieder gilt: Wir denken in Geschichten und glauben an die Kraft journalistischer Qualität.

Das Investigativ-Team soll an die Chefredaktion angegliedert sein. Was sind die Gründe für diese Struktur?
Das Investigativressort wird ressortübergreifend arbeiten und für große Themen Teams mit Reportern aus den Fach-Ressorts bilden. Die direkte Anbindung an die Chefredaktion verkürzt die Arbeitswege, verbessert den Informationsfluss, wir sind schneller und flexibler. Zugleich wird so die hohe Bedeutung sichtbar, die investigative Recherche in unserer Redaktion hat.

Derzeit häufen sich die Beispiele für Investigativ-Teams. Warum entwickelt sich der Trend gerade zum jetzigen Zeitpunkt?
In Zeiten, in denen viele Nachrichten kostenlos abrufbar und bei vielen Medien die gleichen sind, besteht besonderer Bedarf an exklusiven Geschichten. Die Welt-Gruppe investiert seit Jahren kontinuierlich und oftmals antizyklisch in hochwertigen Journalismus, innovative Redaktionsstrukturen wie zum Beispiel den Newsroom und neue Qualitätsangebote. All das dient dem Ziel, unseren Lesern noch mehr Geschichten zu bieten, die sie nur bei uns finden.

Warum gründet man überhaupt ein Recherche-Team? Wäre es nicht auch denkbar, die Redaktionen insgesamt aufzustocken?
Das Investigativressort bietet uns die Möglichkeit, ressortübergreifend und unabhängig vom Tagesgeschäft nach exklusiven Geschichten zu recherchieren. Seit meinem Amtsantritt vor einem halben Jahr haben wir die Redaktion aber auch an anderen Stellen aufgestockt.

Die Redakteure in den einzelnen Ressorts Politik, Wirtschaft etc. verfügen über hervorragende Kontakte und großes Know-how. Inwiefern wächst mit der Gründung des Rechercheteams intern die Konkurrenz? Ist das eventuell sogar gewünscht?
Ich verstehe mich als Teamplayer und schätze diesen Spirit in unserer Redaktion. Gemeinsam sind wir stark, und gemeinsam geht es uns um die besten Geschichten - über alle Ressort-Grenzen hinweg. Nur so werden wir unsere große publizistische Schlagkraft noch weiter erhöhen können.

David Schraven, Chef des WAZ-Rechercheteams

Wie würden Sie das Selbstverständnis Ihrer Mannschaft beschreiben?
Wir verstehen uns in erster Linie als Dienstleister. Das heißt, wir nehmen den Kollegen die Geschichten nicht weg, sondern unterstützen sie bei der Recherche. Entweder kommen die Redakteure auf uns zu, wenn sie Hilfe brauchen, oder wir sprechen sie gezielt an, wenn wir bei bestimmten Themen noch Recherchepotenzial sehen.

Die WAZ hat ihre Investigativ-Truppe vor einem Jahr im Rahmen von Umstrukturierungen gegründet. Rund 300 Stellen sind dabei weggefallen. Inwieweit kann Ihr Team angesichts dessen tatsächlich mehr Qualität liefern oder können Sie doch nur Löcher stopfen?
Es ist der Versuch, einen Weg aus einem Dilemma zu finden, mit dem alle Verlage kämpfen: Wir sind Sparzwängen unterworfen, während es gleichzeitig immer wichtiger wird, unserem Produkt ein Alleinstellungsmerkmal zu verleihen. Die Recherchepools können dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

In den USA hat sich das Modell bereits bewährt.
Richtig, als ich beim "Time Magazine" gearbeitet habe, war ich überwältigt davon, was eine Redaktion leisten kann, wenn ein Verlag Geld, Manpower und Zeit in investigative Arbeit steckt. Allerdings zeichnet sich in den USA auch ein alarmierender Trend ab. Es gibt dort mittlerweile Rechercheteams, die von Stiftungen getragen werden und ohne Zeitung im Hintergrund arbeiten. Journalisten sind dort damit immer weniger auf Verlage angewiesen.

Wie wollen Sie die Arbeit im Rechercheteam der WAZ-Gruppe künftig verändern?
Bisher waren die Mitarbeiter noch sehr an die Ressorts gebunden, mit denen sie vor ihrem Wechsel in das Recherche-Team zusammengearbeitet haben. Meine Aufgabe ist es nun, ihnen mehr Freiraum zu geben und sie aus diesen alten Zusammenhängen zu lösen. Ziel ist es, dass sie künftig noch stärker ressortübergreifend arbeiten.

Cord Dreyer, Chefredakteur und Geschäftsführer der DAPD-DDP-Gruppe, und Olaf Jahn, Leiter des Ressorts "Sources"

Cord Dreyer
Cord Dreyer
Warum ist für eine Nachrichtenagentur ein solches Investigativ-Team wichtig?
Cord Dreyer:
Das ist eine gute Frage, denn bisher hat es solche Recherche-Teams bei Agenturen in Europa nicht gegeben. Insofern beschreiten wir einen ganz neuen Weg. Es gibt mit Olaf Jahn bereits seit längerer Zeit eine kleine investigative Keimzelle bei DDP. Insofern ist es nicht so ganz fernliegend auch eine richtige Abteilung zu gründen, die sich im investigativen Journalismus profilieren soll. Wir glauben, dass wir vor allem Regionalzeitungen, deren Manpower in den letzten Jahren eher geschrumpft ist, die Möglichkeit geben müssen, sich mit besonderen Themen zu schmücken. Daher ist es uns als Agentur wichtig, in einem aufklärerischen Bereich tätig zu sein. Wir wollen nicht nur ein Lieferant sein für tagesaktuelle Nachrichten, sondern auch dazu beitragen, die Wertigkeit von Nachrichten hochzuhalten.

Bei vielen Tageszeitungen stehen die Verträge mit den Nachrichtenagenturen auf dem Prüfstand, unter anderem um Geld zu sparen. Ist Ihre Investition in investigativen Journalismus auch ein Versuch, das Standing Ihrer Agentur zu stärken?
Dreyer: Natürlich müssen wir jeden Tag beweisen, dass wir unser Geld wert sind. Insofern gehört ein hoher Anteil an exklusiven Geschichten zum Standard einer Nachrichtenagentur. In der Regel gibt es im Agenturalltag allerdings keine Möglichkeit losgelöst vom Termingeschäft wirklich tief in Themen einzusteigen und diese langfristig zu verfolgen. Daher ist es wichtig, eine Einheit zu bilden, die von diesem Termindruck befreit ist und die es durch ihre Arbeit ermöglicht, unser journalistisches Profil zu schärfen.

Olaf Jahn
Olaf Jahn
Nach welchen Kriterien haben Sie die Mitarbeiter für Ihr Investigativ-Team ausgewählt?
Olaf Jahn: Für uns ist es wichtig, dass unsere Mitarbeiter eine schnelle Auffassungsgabe haben und umfangreiches Datenmaterial und Akten sicher auswerten können. Außerdem müssen sie eine besonders hohe soziale Kompetenz mitbringen. Das ist in der investigativen Recherche noch wichtiger als ohnehin im Journalismus. Außerdem haben wir auch Leute ausgewählt, die bereits erfolgreich investigativ gearbeitet haben.

Oliver Schröm, Leiter des Recherche-Ressorts beim "Stern"

Oliver Schröm
Oliver Schröm
Warum gründen derzeit so viele Redaktionen Investigativ-Teams? Inwiefern besteht ein Zusammenhang zur Wirtschaftskrise?
In der "Stern"-Redaktion hatten wir vor dem Start des Rechercheteams am 1. Juni einen Vorlauf von mehr als einem Jahr. Dieser Vorlauf war nötig, weil wir neue Recherche-Tools und Datenbanken entwickelten, die nun teils von dem Rechercheteam betrieben und verwaltet werden, aber die gesamte Redaktion hat darauf Zugriff. Daher kann bei uns von einer Reaktion auf die Wirtschaftskrise nicht die Rede sein. Übrigens: Beim "Stern" wurde schon immer investigativ gearbeitet, denken Sie nur an Enthüllungen wie zu dem Fall des Bremer Guantanamo-Häfltings Murat Kurnaz. Aber um künftig noch effizienter zu sein, wollen wir unsere Kapazitäten nun bündeln. Wir haben deshalb in den letzten Jahren auch einiges ausprobiert und uns dann schließlich entschieden ein solches Recherche-Ressort zu gründen. In den USA sind solche Teams längst fest in der Ressortkultur verankert. 

Nach welchen Kriterien haben Sie die Mitarbeiter für Ihr Team ausgewählt?
Ich habe für das Recherche-Ressort bewusst keine Journalisten ausgewählt, die ihren Fokus auf ein Thema gerichtet haben. Hätte man die Spezialisten aus den Ressorts gerissen, hätte sich dadurch eine neue Flanke eröffnet. Stattdessen habe ich Allrounder ausgesucht, die themenübergreifend arbeiten können und sich besonders gut in Recherchetechniken auskennen: So gibt es in dem Team Experten für Online-Recherche, Aktenbeschaffung, -auswertung und Analyse von Recherchematerial sowie für interne und externe Datenbanken. Diese Verteilung der Kompetenzen ermöglicht es, dass Redaktion und Recherche-Pool gut ineinandergreifen und es nicht zu Überschneidungen kommt.

Wie kann man sich die Zusammenarbeit mit den anderen Ressorts in der Praxis vorstellen?
Unser Team wird zwar als Recherche-Ressort im Impressum aufgeführt, aber natürlich ist es nicht so, dass sich im Heft eine eigene Rubrik "Recherche" findet. Das heißt, wir arbeiten mit allen klassischen Themenressorts zusammen und die Geschichten werden dann in der jeweiligen Rubrik platziert, wo es inhaltlich sinnvoll ist. Es gibt im Wesentlichen zwei Varianten, wie wir mit den Kollegen zusammenarbeiten: Das Recherche-Team entwickelt eine Geschichte und geht damit auf das Ressort zu, wo diese thematisch hinpasst. Oder die Ressorts kommen mit einem Thema auf uns zu, bei dem sie Unterstützung benötigen.

Am 1. Juni hat das Recherche-Ressort beim „Stern" seine Arbeit aufgenommen. Welche Bilanz ziehen Sie bisher?
Wir verzeichnen eine große Akzeptanz im Haus. Immer wieder hören wir Kommentare wie "Warum gibt es eigentlich erst jetzt die Möglichkeit? Früher hätte ich bei der ein oder anderen Geschichte die Unterstützung bei der Recherche auch schon gut gebrauchen können."

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