Internationale Zeitungs-Chefredakteure diskutieren über die digitale Zukunft

Freitag, 08. Oktober 2010
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Elbe Hamburg WEF Janet Robinson New York Times Asahi Japan


Spitzenjournalisten aus aller Welt an der Elbe: In den vergangenen Tagen waren rund 600 Chefredakteure und Verlagsleute aus 87 Ländern nach Hamburg gekommen - zum World Editors Forum (WEF). Diskutiert wurde vor allem über die (digitale) Zukunft der Zeitung. HORIZONT.NET gibt einen Überblick über die wichtigsten Beiträge. Janet Robinson, CEO "New York Times", stellt klar: "Wir hören nicht auf, Zeitungen zu drucken". Viele Leser erwarteten, ihr Blatt in den Händen zu halten und verbrächten viel Zeit damit, das werde sich auch nicht ändern - ebenso wenig wie die Nachfrage nach verlässlichen Informationen, Einordnung, Meinung und gut erzählten Geschichten. „Unser Business ist nicht nur News, sondern auch, Inhalte relevant zu machen", so Robinson. Dies gelte auch in digitalen Kanälen: „Qualitätsjournalismus und Qualitätsprofite gehen Hand in Hand." Hochwertiger Journalismus habe einen höheren Wert, sowohl beim Leser durch seine Zahlbereitschaft als auch bei Werbekunden, die an engagierten Zielgruppen interessiert seien.

Damit widerspricht Robinson der These, mit Onlinewerbung könnten journalistische Sites kein Geld verdienen. Nach ihren Angaben stammen bereits 16 Prozent der Gesamterlöse ihres Hauses aus Onlinewerbung. Daneben plant die „New York Times" 2011 Bezahlangebote auf NYT.com - und zwar so, dass die Nutzer eine bestimmte Anzahl von Texten kostenlos lesen können. Außerdem soll die Site für Zugriffe von Suchmaschinen, Blogs und sozialen Netzwerken erreichbar bleiben, um die Reichweiten für Werbekunden zu erhalten.

Raju Narisetti, geschäftsführender Redakteur der „Washington Post", beschreibt die unterschiedlichen Denkweisen früherer Print-Redaktionen im Vergleich zu Online-Teams: Erstere fühlten sich als „Gate-Keeper", letztere als „Gate-Opener" für Information. Dies mache die Integration oft mühsam, die aber unausweichlich sei: „Print wird weiter an Boden verlieren, wir müssen damit zurechtkommen." Ein Journalist kämpfe um die Zeit der Leser, daher sei es wichtig, dass man sich dort vernetze, wo sich die Zielgruppen aufhalten - eben auch in Blogs und Communities. „Von dort müssen wir die User zu uns holen", so Narisetti.

Wataru Sawamura, geschäftsführender Redakteur bei Japans zweitgrößter Tageszeitung „Asahi Shimbun" (8 Millionen Auflage), beschreibt das gerade in Japan virulente Problem einer alternden Bevölkerung und Leserschaft. Deshalb schickt „Asahi Shimbun" seine Inhalte auch auf Handys, um junge Leute zu erreichen. Dies geschehe über Kooperationen mit Mobilfunkprovidern. Bisher erreicht das Angebot für umgerechnet 2 Euro pro Monat über 1 Million User. Bald sollen bezahlpflichtige Zusatzangebote (Reporter-Blogs, Entertainment, TV-, Tablet- und E-Book-Inhalte) hinzukommen. Und in Zukunft will „Asahi Shimbun" im Web mit einer englischsprachigen Berichterstattung über internationale Ereignisse beginnen.

Benoît Raphael, Mitgründer der französischen Onlinezeitung LePost.fr, die zu „Le Monde" gehört, setzt auf die Einbeziehung der Leser. Seine Redakteure seien gleichzeitig Community-Manager, die Informationen und Leserinhalte selektieren und bearbeiten („kuratieren"). So könnten mehr Artikel produziert und Redakteure für eigene Investigativrecherchen abgestellt werden, die wiederum der Profilierung von LePost.fr dienten. Etwa 80 Prozent der Inhalte sei kuratiertes Material - doch diese Aufgabe bindet laut Raphael nur ein Fünftel der Redakteure. Jeweils 10 Prozent des Teams pflegt die Zusammenarbeit mit Print sowie die Community. Und 60 Prozent seiner Redakteure sei für investigative Exklusivstorys frei, so Raphael. rp
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