IDG-Chef von Heimburg: "Print-Redakteure sind nicht die Bewahrer des Journalismus"

Dienstag, 23. Oktober 2012
York von Heimburg
York von Heimburg


Damit wird York von Heimburg bei den Hütern des Traditionsjournalismus, bei den Freunden des gepflegten Feuilletons, für Denkerstirnrunzeln sorgen. Der Vorstand des auf IT-Themen spezialisierten Fach- und Special-Interest-Verlages IDG Communications Media ("Computerwoche", "PC Welt") mischt sich ein in die Debatte über den vermeintlichen Konflikt zwischen (Print-) Qualitätsjournalismus und Online-Journalismus. Und bricht eine Lanze für die Online-Kollegen. Mit deutlichen Worten, wie es so seine Art ist.
Die Debatte habe sich „zu einer Art Kulturkampf hochgeschaukelt, bei dem sich viele klassische Journalisten als die Bewahrer des Journalismus aufspielen, während sie die Onliner eher abschätzig als von der Technologie geknebelte und von Kundenwünschen manipulierte Erfüllungsgehilfen darstellen", schimpft der Manager gegenüber HORIZONT.NET. Das gehe an der Realität vorbei. Denn er beobachte seit Jahren, dass Leser und Werbekunden immer mehr das Web nutzen - und Print "lediglich noch als Vertiefungs- und Überblickslektüre" ansehen.

Fakt sei: Der Online-Autor steuere mit seiner Arbeit die Reichweite nicht nur seines Artikels, sondern auch die der gesamten Publikation. Die Qualität seines Beitrags sei dabei "gnadenlos transparent" und entscheide über das daraus resultierende Monetarisierungspotenzial. Dabei treffe der Web-Schreiber seine Leser im Gegensatz zu den Print-Kollegen "in einem an Nebengeräuschen sehr viel reicheren Leseumfeld", so von Heimburg: Bewegte Banner, rivalisierende Inhalte, verlockende Bilder - "alles buhlt zugleich um die Aufmerksamkeit des Lesers". Und hier müsse der Online-Redakteur versuchen, die Nutzer zu fesseln und zu informieren, auf engstem Raum, strukturiert, animiert mit Grafiken und Bewegtbildern. Onliner agierten als interdisziplinäre digitale „Informationskünstler", sagt der IDG-Manager.

Und Web-Redakteure müssten ihre Texte zusätzlich so schreiben, dass der Leser die Artikel auch findet. „Sie müssen quasi ihren redaktionellen Beitrag ins Netz verweben, wie eine Spinne dies auch tut, um nicht den Halt zu verlieren oder unterzugehen", erklärt von Heimburg. Durch Backlinks, durch Verlinkung mit den relevanten Communities, durch Key-Words.

Jetzt bringt er einmal mehr die Verlage ins Spiel, die das Umfeld für die Journalisten schaffen: "Das Problem der meisten Medienhäuser ist, dass die Mitarbeiter und Manager sich mit der Technologie an sich und den daraus folgenden Implikationen nicht befassen." Dabei werde diese und damit die möglichst (formal, nicht inhaltlich) standardisierte Auslieferung der Inhalte und der Werbung an die Nutzer auf alle möglichen digitalen Kanäle und Ausgabegeräte („Hyperdistribution") für den Geschäftserfolg immer wichtiger.

Der dadurch generierte sogenannte Longtail-Content stelle auf längere Zeiträume sicher, dass die Reichweite der Artikel stetig steigt, ohne dass der Journalist nochmals eingreift. Zum nachhaltig erfolgreichen Publizieren gehöre eben auch, dass man viele Artikel zu einem Thema intelligent zusammenfasse. Auch hier gelte: „Online-Journalisten sind nicht nur Chronisten, sondern auch Informationsdesigner im digitalen Umfeld", in interdisziplinären Teams aus Video- und Print-Leuten, Rechercheuren, Programmierern, Gestaltern und Illustratoren. „Transmedia Storytelling" nennt von Heimburg dieses „Konzept der Zukunft".

Das sei eben der große Unterschied zu Print. „Zugleich ist diese Vorgehensweise der Grund für viele Vorbehalte klassischer Journalisten", sagt der Manager: „Sie haben den Wert von Technologien nicht verstanden." Letztendlich sei die automatisierte Verbreitung von Inhalten nicht mehr aufhaltbar, „und die klassischen Journalisten kämpfen noch ihren aussichtslosen Kampf, in dem sie ihre Manager und Leser mit Verhinderungsszenarien ablenken".

Jeder Journalist, jedes Medienhaus müsse doch das Interesse haben, die Reichweiten durch neue Kanäle zu erhöhen. Wenn sie es intelligent anstellen, hätten sie sogar die Chance, mit Internet-TV und Videos das Fernsehen herauszufordern, frohlockt von Heimburg. Medienmanager und Journalisten müssten sich neu erfinden und erkennen, welche Wettbewerbsvorteile die Verknüpfung von Technologie mit relevanten Inhalten darstelle. Und wenn man künftig die für die publizistische Kultur so wichtigen Journalisten nicht vom Netz entkoppeln und nur auf „Web-Freaks und Blogger" setzen wolle, müsse man bereits auf den Journalistenschulen und Universitäten dafür sorgen, dass junge Journalisten dort beides gelehrt wird: redaktionelles und technologisches Handwerk. Und die Kombination von beidem. rp

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