Höchste Eisenbahn: "Spiegel"-Reporter Pfister muss Kisch-Preis zurück geben

Dienstag, 10. Mai 2011
René Pfister (links) nahm am Freitag von "Geo"-Chefredakteur Gaede seine Trophäe entgegen
René Pfister (links) nahm am Freitag von "Geo"-Chefredakteur Gaede seine Trophäe entgegen

Wie gewonnen, so zerronnen: Erst am vergangenen Freitag hatte "Spiegel"-Reporter René Pfister bei der Verleihung des Henri-Nannen-Preises den renommierten Egon-Erwin-Kisch-Preis für eine Reportage über den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer erhalten. Nun muss der Spiegel-Mann den Preis nach heftiger Kritik der Nannen-Enkelin Stephanie Nannen wieder abgeben. Begründung: Pfister hatte über eine Modelleisenbahn Seehofers geschrieben, die er nie mit eigenen Augen gesehen hatte. Stephanie Nannen hatte in einem Beitrag für das "Hamburger Abendblatt" die Auszeichnung Pfisters als "Skandal" und "Vortäuschung falscher Tatsachen" bezeichnet: Die Eisenbahn-Passage beruhe lediglich auf Gesprächen mit Seehofer, damit könne der Text nicht mehr als Reportage gelten. Der Preisträger selber machte aus seiner fehlenden Augenzeugenschaft auch gar keinen Hehl. Noch auf der Bühne während der Preisverleihung gab Pfister zu, lediglich Gespräche mit Seehofer und einem Spiegel-Kollegen aufbereitet zu haben. Seine Reportage habe zu keinem Zeitpunkt den Eindruck erweckt, mit Seehofer in dem Keller mit der Eisenbahn gewesen zu sein.

Gestern Abend wurde der elfköpfigen Jury die Sache zu heiß und sie entschied, Pfister den Preis wieder abzuerkennen. Dagegen votierten laut "Welt" der Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung" Kurt Kister, "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher, "Geo"-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede und - selbstverständlich - Pfisters Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron.

Der "Spiegel" gab auf seinen Online-Seiten heute eine erste offizielle Stellungnahme ab. Darin wird "Unverständnis" über die Entscheidung und Kritik daran geäußert, dass Pfister sich nicht selber vor der Jury äußern durfte. Schlampige Recherche konnte Pfisters Arbeitgeber nicht erkennen: "In der Vergangenheit sind bereits öfter Geschichten mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet worden, die szenische Rekonstruktionen enthielten. Jede Reportage besteht nicht nur aus Erlebtem, sondern auch aus Erfragtem und Gelesenem." ire
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