"Hehlerbande", "Taliban": Der unnütze Verbalkrieg gegen Google

Donnerstag, 06. Dezember 2012
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Ist Google ein reaktionärer Digital-Taliban? Oder eher eine kriminelle Hehlerbande?  LSR-Anhänger können dank Axel Springer ihr Lieblings-Schimpfwort wählen. Eine Woche nach der Anhörung im Bundestag geht die Verbalschlacht in die nächste Runde - doch mit den gewählten Vokabeln wird die eigentlich notwendige Diskussion um Marktübermacht auf der einen Seite, Verunsicherung übers digitale Business auf der anderen Seite, im Keim erstickt.
Deutschland ist derzeit bekanntermaßen der Schauplatz einer weltweit einzigartigen wie abstrusen Auseinandersetzung zwischen Verlagen und Google. Der Versuch der Medienhäuser, am wirtschaftlichen Erfolg von Google zu partizipieren, ist längst zu einem Ideologie-Gefecht geworden, in dem beide Seiten vor allen Dingen Propaganda, aber keine Argumente mehr einsetzen.

Nach der fragwürdigen „Dein Netz“-Kampagne von Google holt diese Woche Axel Springer die große Verbalkeule aus: In der „Zeit“ vergleicht CEO Mathias Döpfner Google mit einer „Hehlerbande“, Cheflobbyist Christoph Keese lästert im HORIZONT-Interview über den Internet-Konzern:  "Google ist eine Art Taliban und wehrt sich gegen jede Art von Fortschritt."

Warum ist die Contenance endgültig verloren gegangen? Vielleicht liegt es daran, dass das Thema LSR Journalisten inzwischen genauso ermüdet wie die wenigen Bundestagsabgeordnete im Plenum vergangene Woche. Vielleicht liegt es auch daran, dass selbst die schärfsten Protagonisten erkennen müssen, dass der Gesetzentwurf auf  - vorsichtig formuliert - wackeligen Füßen steht. Vielleicht liegt es also auch daran, dass Axel Springer befürchtet, den Kürzeren zu ziehen.  

Vergleiche hinken bekanntermaßen mal mehr, mal weniger. Hinken tun sie auf alle Fälle, und diese beiden besonders. Es ist bedenklich, wenn ein Unternehmen ein anderes Unternehmen als „Hehlerbande“ tituliert – egal wie brutal der Konkurrenzkampf ist. Und es zeugt von einem bedenklichen Verständnis von Fortschritt im Digitalen, Google mit afghanischen Bilderstürmern zu vergleichen: Bei der LSR-Debatte kann man sich manchmal nicht des Eindrucks erwehren, die Fortschrittsverweigerer seien eher im Verlags- als im Internet-Lager zu finden. Das ist keine Pro-Google-Rede. Die von Mathias Döpfner in der „Zeit“ zu Recht kritisiert Firmenmessage „Don’t be evil“ wurde auch an dieser Stelle schon als ideologisches Konstrukt eines global agierenden Konzerns kritisiert. Doch nicht nur Google ist „erzkapitalistisch“, wie Döpfner beklagt. Axel Springer ist dies auch. Nur ist Weltkonzern Google um ein Vielfaches größer als der ebenfalls nicht gerade kleine Medienhaus Axel Springer.

Dein Netz, Hehlerbande, Taliban - allmählich ist die Zeit gekommen, an die Beteiligten auf Verlagsseite zu appellieren:

  • Beendet den Propagandakrieg.
  • Nutzt Eure Intelligenz für die Entwicklung neuer Businessmodelle.
  • Investiert in neue Geschäftsfelder.
  • Kooperiert untereinander - aber auch mit Google.

    Und was LSR angeht: Das Max-Planck-Institut für Immaterialgüter- und Wettbewerbsrecht formuliert in seiner kritischen Stellungnahme: Es ist „keineswegs so, dass nur einer vom anderen profitiert. Vielmehr ist das Zusammenspiel von Inhaltsanbietern und Suchmaschinenbetreibern Ausdruck unserer modernen, arbeitsteiligen Marktwirtschaft.“ Und an anderer Stelle: „Weil die Presseverleger gar kein Interesse daran haben, dass ihre Proudkte von Suchmaschinen nicht erfasst werden, und weil aber auch anzunehmen ist, dass viele Dienstanbieter nicht bereit wären, auf deutschen Presseprodukte zu verlinken, wenn sie dafür Lizenzgebühren bezahlen müssten, dürfte das neue Schutzrecht in der Praxis leer laufen.“ Zwei Sätze, die das ganze Dilemma eines Leistungsschutzgesetzes beschreiben. Die klare Message: Beerdigt LSR - Medienhäuser brauchen keinen Leistungschutz, um im digitalen Zeitalter erfolgreich zu sein. vs
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