Heftkritik: „Enorm“ zeigt die guten Seiten der Wirtschaft

Montag, 15. März 2010
Titel der ersten Ausgabe von "Enorm"
Titel der ersten Ausgabe von "Enorm"

Am Donnerstag dieser Woche ist es soweit: Dann kommt, wie bereits im Januar berichtet, das politisch korrekte Wirtschaftsmagazin „Enorm" in den Handel. HORIZONT.NET hat das Heft vorab gelesen. Fazit: Gut gemeint und gut gemacht - doch an manchen entscheidenden Stellen vielleicht nicht weit genug gedacht. Dabei hat man dank des kräftigeren Papiers auch bei 132 Seiten das Gefühl, ein dickes Ding in den Händen zu halten. Chefredakteur Thomas Friemel formuliert im Editorial unter der bescheidenen Überschrift „Ein Anfang" den Anspruch, mit „Enorm" Alternativen zur bisherigen Form des Wirtschaftens aufzuzeigen, die zu Wirtschaftskrise, Umweltzerstörung und sozialer Spaltung geführt habe. Gemäß dem Untertitel „Wirtschaft für den Menschen" stellt er Macher, Projekte und Unternehmen vor, die sich dem "Social Business" verpflichtet fühlen. „Unternehmen, die nicht auf dem Rücken der Menschen Profit erwirtschaften für wenige, sondern die zum Wohle der Menschen sozialen Profit erwirtschaften für viele" und Gewinne nicht abschöpfen, sondern reinvestieren, so Friemel.

Von PC-Spielen für den Weltfrieden bis hin zu ethischen Banken, von Umweltprojekten bis hin zu Bildungsinitiativen, von der Fabrik der Zukunft bis hin zu Solarfonds - „Enorm" stellt enorm viele Ideen und funktionierende Projekte vor, hinterfragt sie kritisch und beleuchtet stets auch und vor allem Fragen der Finanzierung. Insofern ist „Enorm" tatsächlich ein Wirtschaftsmagazin - eines, das das diffuse Unbehagen vieler reflektierter Menschen über manche Entwicklungen der vergangenen Jahre aufgreift und insofern auch ein Lebensgefühl bedient: etwas ändern zu wollen. Vielleicht kann man „Enorm" als Mischung aus „Brand Eins" und „Neon" für sozial bewegte Wirtschaftsskeptiker beschreiben - für "Gutmenschen", wie es manchmal etwas despektierlich heißt.

"Enorm"-Chefredakteur Thomas Friemel
"Enorm"-Chefredakteur Thomas Friemel
Doch wer „Enorm" aus dem - zugegeben derzeit ziemlich unpopulären - Blickwinkel wirtschaftlicher Marktanalyse betrachtet, für den greifen die Grundannahmen des Heftes zu kurz. Kann man den scheinbaren Altruismus einzelner bewundernswerter Unternehmer auf alle anderen hochrechnen - auf jedenfalls so viele, dass genügend für alle produziert wird? Ist der Wunsch nach Gewinnen wirklich so verwerflich - oder nicht eher Handlungsantrieb und Risikoausgleich? Haben Unternehmen, die sich nicht „in den Dienst der Menschen" stellen, nicht schon im Markt keine dauerhafte Chance? Backt der Bäcker sein Brot, um etwas gegen den Hunger der Gesellschaft zu tun - oder um Profit zu erwirtschaften und abzuschöpfen? Ist an der Finanzkrise wirklich der „Kapitalismus" Schuld - oder nicht eher fortwährende quasi-staatliche Manipulationen an der Menge und am Preis des Geldes, den Zinsen? Wie weit könnten Privateigentumsrechte eher dem Umweltschutz dienen als Gemeineigentum?

Und was sind manche „ethische" Geschäftsmodelle wirklich wert, deren höhere Produktpreise vom Gros der Konsumenten am Ende nicht akzeptiert werden - sondern die vor allem von Subventionen (die woanders erwirtschaftet wurden) am Leben gehalten werden? Es wäre zu wünschen, dass sich „Enorm" in seinen kommenden Ausgaben mit derselben Ernsthaftigkeit und Tiefe auch Fragen wie diesen widmet. Dann könnte das Heft neben den einschlägig Interessierten sowie Abonnenten aus Politik, Unternehmen und Organisationen und jenen, die „Enorm" als Coffee-Table-Magazin zur Demonstration ihrer korrekten Einstellung benutzen, auch Leser der übrigen Wirtschaftspresse ansprechen, die ihren Horizont erweitern möchten.

Denn die Ziele sind ehrgeizig: In drei Jahren will man rund 100.000 Hefte verkaufen. Zum Start beträgt die Druckauflage erstmal 80.000 Exemplare. Der Vertrieb erfolgt über Abo, Einzelverkauf (Copypreis: 7,50 Euro) sowie - durch Kooperationen und Controlled Circulation - direkt an Unternehmen, Stiftungen, Verbände und Lehranstalten. „Enorm" erscheint zunächst viermal jährlich im Hamburger Social Publish Verlag, hinter dem als geschäftsführender Gesellschafter der frühere Print-Manager Alexander Dorn („Hamburger Mopo", Jahreszeiten Verlag) steht. Weitere Investoren sind Privatpersonen, Unternehmer und Stiftungen. Chefredakteur Friemel war früher leitend tätig bei der „Kölnischen Rundschau", „Berliner Kurier", „Max", „Hamburger Mopo" und „Matador".

Das Start-up will selber „nachhaltig" arbeiten: mögliche Gewinne sollen reinvestiert oder in soziale Projekte gesteckt werden, und zum Ausgleich der Klimabilanz der Heftproduktion lässt der Verlag Bäume in Afrika pflanzen. In der ersten Ausgabe (die zweite soll am 10. Juni kommen) erscheinen fünf offenbar bezahlte (Nicht-Medien-) Anzeigen - von BMW, VW, Hypo-Vereinsbank, Baufritz und MPC Capital. Eine 1/1-Anzeigenseite kostet 11.900 Euro. rp
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