"Handelsblatt" will 2011 schwarze Zahlen schreiben / Online-Relaunch im Dezember

Mittwoch, 27. Oktober 2010
Chefredakteur Steingart plant eine Digital-Offensive
Chefredakteur Steingart plant eine Digital-Offensive

Nach dramatischen Rückgängen im Anzeigengeschäft in den vergangenen beiden Jahren will das "Handelsblatt" in diesem Jahr wieder den Break-Even erreichen. 2011 soll der Titel dann schwarze Zahlen schreiben. Dies hat Verleger Dieter von Holtzbrinck heute bei einer Verlagspräsentation in Frankfurt angekündigt. Chefredakteur Gabor Steingart will dies jedoch nicht als Jubelarie verstanden wissen: "Das ist nicht das Wunder von Düsseldorf, sondern wir kämpfen und wir stehen erst am Anfang eines längeren Weges", erklärte er vor Journalisten, Werbekunden und Agenturvertretern. Nach seinem Amtsantritt im April hat Steingart einige Veränderungen am Layout des Titels, der Blattstruktur und den Inhalten vorgenommen. Nun will der Chefredakteur die digitalen Angebote weiterentwickeln. Zu dieser Offensive gehört der Relaunch des Internetauftritts im Dezember. Steingart verspricht klarere Strukturen und eine opulentere Optik. Vor allem aber soll die Website weniger statisch programmiert werden, um künftig je nach Nachrichtenlage mehr Spielraum für das Layout zu haben.

Ein weiteres wichtiges Ziel der Umbauarbeiten ist der Ausbau des Bewegtbildangebotes. Unter dem Titel "Handelsblatt in 99 Sekunden" wird Steingart eine Nachrichtensendung auf der Internetplattform starten, in der Videos sowie eine Moderatorin über die aktuellen Ereignisse in der Wirtschaft informieren.

Bereits vor vier Wochen hat die Online-Redaktion auf einen 24-Stunden-Betrieb umgestellt. "Das Handelsblatt schläft nicht mehr", so Steingart. Das heißt aber nicht, dass die Redakteure in Deutschland nachts arbeiten müssen. Stattdessen wird die Website in dieser Zeit von den Korrespondenten in Amerika bestückt.

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Dieter von Holtzbrinck glaubt an Paid Content
Dieter von Holtzbrinck glaubt an Paid Content
Darüber hinaus eröffnete Steingart einen Blick ins iPad-Produktlabor der Verlagsgruppe. Bisher bietet die Wirtschaftstageszeitung das E-Paper auf dem iPad an. Die geplanten Applikationen sollen deutlich mehr bieten und vor allem die technischen Möglichkeiten der Plattform besser ausnutzen. Anfang 2011 wird die App "Handelsblatt Insider" starten. Sie soll die Nutzer darüber informieren, wie die Vorstände der großen Konzerne - zum Beispiel René Obermann von der Telekom - an der Börse handeln. Ebenfalls im Januar wird voraussichtlich die Anwendung "Handelsblatt exklusiv" herauskommen, die nach dem Wunsch von Steingart "das schnellste Wirtschaftsmedium Deutschlands" werden soll.

Das bedeutet, dass diese Anwendung künftig in der Informationskaskade der Marke Handelsblatt an erster Stelle stehen wird - sogar noch vor dem Internetauftritt. Die App hat primär die Funktion der Nachrichtenaggregation, sprich, alle Meldungen, die in der Redaktion eingehen, kurz und knapp zu präsentieren: quasi das Google News der Wirtschaftszeitung. Das Angebot soll sich zum einen über einen Sponsor finanzieren. Hierzu befindet sich der Verlag derzeit in Gesprächen. Zum anderen wird die App nach einer Einführungsphase Geld kosten. Dieter von Holtzbrinck: "Wir glauben fest daran, dass wir über die neue Technologie das Geschäftsmodell Paid Content etablieren können."

Zum Wettbewerber "Financial Times Deutschland" fand Steingart klare Worte: "Es ist kein Segen, wenn unrentable Objekte mitgeschleppt werden." In Ländern wie den USA und Großbritannien existiere jeweils nur eine Wirtschaftstageszeitung. Und auch in Deutschland habe es noch nie Platz für zwei konkurrierende Titel gegeben. Dass die "FTD" noch auf dem Markt sei, resultiere aus einer "konzerninternen Planwirtschaft", schließlich werde der Titel seit dem ersten Tag subventioniert. Verleger Dieter von Holtzbrinck gab außerdem zu bedenken, dass nur noch "wenig FT in der FTD stecke" und unklar sei, ob der Lizenzvertrag verlängert werde. Auf die Frage, ob sich die Verlagsgruppe vorstellen könne, den Wettbewerber zu übernehmen, antwortete Steingart knapp: "Schwierigkeiten haben wir auch alleine." bn

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