Handelsblatt vs FTD: Wenn der Wunsch zum Vater der Headline wird

Freitag, 30. März 2012
Steffen Klusmann: FTD fit fürs digitale Zeitalter machen
Steffen Klusmann: FTD fit fürs digitale Zeitalter machen

Wie man ein Interview gründlich - aber bewusst - missverstehen kann, hat heute das „Handelsblatt" vorexerziert. Im HORIZONT-Gespräch entwickelt „FTD"-Chefredakteur Steffen Klusmann  Zukunftsszenarien für die „FTD" - das „Handelsblatt" dichtet: „FTD: Nachdenken über den Untergang". Das Beispiel zeigt: Ein offener Branchen-Diskurs über die Zukunft von Print ist zum Scheitern verurteilt, wenn die Konkurrenz Offenheit als Schwäche deutet. Darf man sich als Chefredakteur nicht Gedanken machen über neue Redaktionssysteme, neue Vertriebsmöglichkeiten für journalistische Inhalte und mögliche Szenarien zum Verhältnis von Print, Digital und Mobile? Man darf nicht nur. Man muss sogar. Und sollte man seine Gedanken nicht auch anderen Medienschaffenden kundtun? Unbedingt - denn wie sonst soll es eine „Zukunft für Print" geben, wenn die, die sie gestalten sollen, nur im eigenen Kämmerchen vor sich hin dilettieren?

Im HORIZONT-Interview sagt Steffen Klusmann: „Ich liebe Print." Er sorgt sich aber auch darüber, „dass gerade ganze Generationen nachwachsen, die gar nicht mehr wissen, was ein Zeitungskiosk ist. Und die würde ich gerne trotzdem bedienen". So weit, so gut - und inzwischen journalistisches Gemeingut: Die Erkenntnis, dass die Generation Internet ihr Wissen nicht unbedingt aus good old Print bezieht, ist mittlerweile Common Sense selbst bei den Printveteranen unter Deutschlands Blattmachern. Common Sense ist auch die Erkenntnis, dass man sich als Chefredakteur von Berufs wegen Gedanken machen sollte, wie man die Facebook-Fans und Twitter-Nutzer künftig erreichen will: Redaktionen arbeiten schließlich nicht in der Papier-, sondern in der Informationsindustrie.

Wer Steffen Klusmann kennt, weiß, dass der oberste Chefredakteur der G+J Wirtschaftsmedien jemand ist, der keine Worthülsen abarbeiten will, sondern Diskussionen vorantreiben will. Anfang des Jahres debattierte er auf den Deutschen Medientagen mit Kollegen über die „Zukunft von Print".  Schon da tat Klusmann kund, was er zwei Monate später auf die Frage „Die gedruckte Zeitung ist also nicht mehr der Taktgeber?" im HORIZONT-Interview zu Protokoll gibt. Unter anderem nämlich: „Zumindest dominiert sie (die Zeitung) den Arbeitsalltag nicht mehr so wie früher. Artikel erscheinen dann, wenn sie fertig recherchiert und geschrieben sind und nicht erst, wenn Redaktionsschluss ist. Wir halten keine Geschichten mehr zurück zugunsten von Print. Die Lesegewohnheiten verändern sich derzeit radikal. Die Anzahl derer, die uns auf Smartphones und Tablets lesen, wächst rapide. Darauf sollten wir uns einrichten."

Bei anderen Chefredakteuren wäre die „Darauf sollten wir uns einrichten"-Sentenz vielleicht der Schlusssatz des Interviews. Doch das HORIZONT-Gespräch mit Klusmann geht noch weiter. Eine der Folgefragen lautet: „Ist es vorstellbar, dass aus der Tageszeitung „FTD" eine Wochenzeitung wird, umgeben von aktuellen Nachrichten auf der Website und Apps für Smartphones und Tablets?" Klusmanns Antwort: „Ich schließe nichts mehr aus - zumindest nicht auf längere Sicht. Am Wochenende eine gedruckte Zeitung, an den Werktagen tägliche Tablet-Ausgaben - klingt fast nach einem Plan. War das jetzt Ihre Idee oder meine?" Das klingt nicht gerade nach „Nachdenken über den Untergang" („Handelsblatt")- sondern mehr wie ein Gedankenspiel für eine mögliche Zukunft einer Medienmarke, und augenzwinkernde - „War das jetzt Ihre Idee oder meine?" - Replik auf den Fragesteller. Konkurrenztitel „Handelsblatt" hat das mögliche Zukunftsszenario kurzerhand zum Grabgesang umkomponiert: Hier ist der Wunsch zum Vater der Headline geworden. vs

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