HORIZONT liest ..."Spex": Töne abseits des Mainstreams

Donnerstag, 06. Juni 2013
Die aktuelle "Spex"
Die aktuelle "Spex"

Schon immer definierte sich Popkultur durch Abgrenzung: Kinder von Eltern, Punks von Skins, Gitarrenmusik von Electro. Als „Magazin für Popkultur" scheint der Platz der Zeitschrift "Spex" deshalb seit jeher vorgezeichnet gewesen zu sein. Abseits vom Mainstream, in der Gegenöffentlichkeit, wie es Mitgründer Peter Bömmels einmal bezeichnet hat, sprich: in der Nische.

Inhalt

Von dort gelingt der Bibel unter den Musiktiteln inhaltlich allerdings nach wie vor Großes: "Spex" fasst Töne in Wörter, kleidet Mode in gesellschaftliche Statements, macht neben Politik auch Popjournalismus zum Diskurs. Ja, Diskurs. Natürlich nicht mehr so streng wie früher, längst weitaus weniger essentiell als im Jahr 1980, als die „Spex" zum ersten Mal erschienen ist. Doch damals war die Welt des Pop auch entweder schwarz oder weiß, war Mainstream oder Rock´n´Roll, Abba oder X-Ray Spex.

Von letztgenannter, einer englischen Punkband, stammt der Name der Zeitschrift, die vor 33 Jahren vom Herausgeberkollektiv Gerald Hündgen, Clara Drechsler, Dirk Scheuring, Wilfried Rütten und Peter Bömmels an den Kiosk gebracht wurde. Heute ist die (Musik-)Welt bunt geworden, auch und vor allem in den jeweiligen Subkulturen. Heavy Metal ist längst etabliert in den Charts, elektronische Musik findet sowieso jeder irgendwie gut, den Straßenmusikanten hilft Youtube auf die Festivalbühne. Wenn die Grundlagen der Abgrenzung verschwimmen, könnte eine Zeitschrift wie "Spex" auch ihre Existenzberechtigung verlieren.

Justin O'Shea von Mytheresa.com spricht über die Kombination von Trends und Popsongs
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Sie hätte es beinahe getan. Im Jahr 2000 geht das zu dieser Zeit finanziell stark angegriffene Musikmagazin in den Besitz der Münchner Piranha Media über, ein Großteil der Mitarbeiter kündigt. Doch die neue Spitze schafft es, einige für den Leser komfortable Neuerungen zu etablieren, die beigelegten CDs mit Tracks der im Heft besprochenen Künstler etwa, oder - für ein Heft wie „Spex" damals noch relativ ungewöhnlich - Modestrecken. Und noch nie ging es im Blatt nur um die Besprechung neuer Platten oder die aktuellen, manchmal sogar schon berühmten Bands. Es ist die Popkultur per se, die sich in ihrem Wortsinn nicht nur darauf beschränkt. „Spex" war und ist auch Sprachrohr gesellschaftlicher Entwicklungen, kultureller Veränderung und zeitgenössischer Kunst.

Das aktuelle Heft

In das aktuelle Editorial der Mai/Juni-Ausgabe hat Chefredakteur Torsten Groß ein gutes Stück Epos gepackt. Störfaktor für den ehemaligen „Rolling Stone"-Redakteur: der „tendenziöse, boulevardeske, spekulative" moderne Journalismus, den die Redaktion während der Produktion des vorliegenden Magazins beobachtet habe, sei es in der Berichterstattung über Uli Hoeneß' Steueraffäre oder Bushidos Mafia-Mitgliedschaft.

Politik und Popkultur: Hans-Henning Paetzkes Artikel über das System Ungarn
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Groß kritisiert "die Art und Weise, wie in Zeiten sinkender Auflagenzahlen und zunehmender Bedeutung des alleine durch Klickzahlen definierten Onlinejournalismus die Sachlichkeit immer mehr auf der Strecke bleibt, Fakten zugunsten eines tendenziösen Empörungsjournalismus unterschlagen werden". Die Folgerung des Chefredakteurs, wonach der Leser am Text von Hans-Henning Paetzke in der aktuellen „Spex"-Ausgabe sehen könne, wie man es auch (und besser) machen kann, mag etwas vermessen sein, tut der tatsächlichen Qualität der „spöttischen Streitschrift" über das politische System in Ungarn aber keinen Abbruch.

Weiterer Lesetipp: Die 7 Seiten lange Abhandlung über "Das System Beyoncé" im besten "Spex"-Stil, der Sätze hervorbringt wie "Die 31-Jährige Performerin saugt das Universum in ihr System und nivelliert jegliche Ambivalenzen". Oder: "Die perfekt funktionierende Marketingmaschine, die zu gleichen Teilen identitätslose wie höchst wandelbare Mode-Ikone sowie die Unterhaltungsmusikerin Beyoncé: sie alle fließen zusammen, sind Teile ein und desselben ,Produkts', eines Ausbunds an Selbstoptimierung und maximaler Disziplin." Puh. Leicht machen es solche Sätze dem Leser nicht, aber sie machen ihn schlau.

In drei Essays beschäftigt sich "Spex" mit der Popsängerin Beyoncé
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Auflage

Letztlich bewegt sich die „Spex" in einer Doppelkrise von Musikindustrie und Printbranche. Dementsprechend leidet die Auflage, im 1. Quartal 2013 hat sie sich aber, wie bereits in den Jahren 2001 bis 2005, wieder bei rund 17.000 Exemplaren eingependelt. Der Sprung ist sogar ein gewaltiger und deshalb durchaus bemerkenswert: Im Vorjahresquartal lag die verkaufte Auflage noch bei 14.514 Exemplaren. Im Einzelverkauf vermeldet die IVW für „Spex" 11.850 Stück (I/2013), ein Plus von mehr als 35 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal (8735 Stück). Die Abozahlen bewegen sich relativ konstant zwischen 3000 und 4000 Stück, aktuell sind es 4164 Abonnenten im Vergleich zu 4443 im 1. Quartal 2012.

HORIZONT liest ...

Printkrise hin oder her, noch nie hat es an deutschen Kiosken eine so große Auswahl gegeben wie im Jahr 2013. Der Leser kann aus rund 6000 Zeitschriftentiteln wählen, dazu kommen die regionalen und überregionalen Tageszeitungen.

In dieser Online-Kolumne wühlt sich die HORIZONT-Redaktion wöchentlich durch die Vielfalt am Zeitschriften- und Zeitungsstand und stellt ihre Favoriten jeden Donnerstag vor.

Zielgruppe

Laut Mediadaten richtet sich „Spex" an eine überdurchschnittlich weltoffene, kaufkräftige und gebildete Leserschaft", für die es „das entscheidende Leitmedium unserer Tage" darstellt. Ein durchaus ambitionierter Anspruch. Lesebereitschaft müssen die Käufer auf jeden Fall mitbringen. Das Magazin strotzt vor ausführlichen Hintergrundgeschichten, selbst die Plattenrezensionen erstrecken sich trotz kleinerem Schriftgrad meist über mehrere 100 Zeilen.

Facts

„Spex" erscheint achtmal jährlich im Münchner Piranha Verlag. Eine 1/1-Anzeigenseite kostet laut Preisliste 3500 Euro. Der Copypreis liegt bei 5,50 Euro. Jeder Ausgabe liegt eine CD mit Songs der im Heft besprochenen Künstler bei. kl

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