HORIZONT liest ... "Vogue": Eine Ode an die Modefotografie

Donnerstag, 20. Juni 2013
Die Juli-Ausgabe der "Vogue"
Die Juli-Ausgabe der "Vogue"

Wofür eigentlich noch Print? Kaum eine Frage wird so heiß auf den Branchenforen dieser Republik diskutiert, wie diese. Darauf gibt es viele gute Antworten. Doch eine der Besten gibt "Vogue". Die Ikone unter den Modemagazinen aus dem Hause Condé Nast schürt die Lust am Bild, an der Opulenz, an High Class, am Betrachten, Blättern - kurz: an all dem, was viele andere Gattungen in dieser Form kaum leisten können. Kein Segment ist in Deutschland so vielfältig wie das der Frauenmagazine, doch auch nach fast 35 Jahren auf dem deutschen Markt gibt "Vogue" in Sachen Mode den Takt vor. Und das hat einen Grund. "Before it's in Fashion, it's in ,Vogue'" lautet der inoffizell-offizielle Claim, der gleichzeitig Anspruch und Ansporn der Zeitschrift ist. Es ist eine Positionierung wie sie klarer nicht sein könnte.

Der Inhalt

"Vogue", die in Deutschland seit 2003 von Chefredakteurin Christiane Arp geführt wird, kümmert sich um all das, was das Auge anzieht, um Äußerlichkeiten, den schönen Schein. Das ist Klischee und Wahrheit zugleich. Und in einer schwer nachzuahmenden ästhetischen Art und Weise interpretiert, die zwar Frauenrechtlerinnen nicht gefallen mag, dafür aber in Sachen Layout und Bildsprache wegweisend ist.

Hinter den Kulissen der Modenschau für die "Croisière"-Linie von Chanel
Hinter den Kulissen der Modenschau für die "Croisière"-Linie von Chanel

Und so sind denn auch die Modestrecken das Highlight, bis zu dem hin sich der redaktionelle Spannungsbogen von Monat zu Monat neu aufbaut. Kurze Artikel am Anfang, lange am Ende, lautet die Devise.

Der Lauf folgt keiner klassischen Ressorteinteilung. Die Themen zu "Mode", "Beauty/Health", "Menschen", "Kultur" und den kleineren Ressorts "Design" und "Reise" sind übers Heft verteilt, zur besseren Orientierung allerdings im Inhaltsverzeichnis gebündelt. Letzteres will gesucht werden. In der aktuellen Juli-Ausgabe weniger als in der starken September-Ausgabe, in der Anzeigenkunden zu Hauf auf den vor dem Inhaltsverzeichnis liegenden, ersten Seiten des Heftes erscheinen wollen.

Anzeigen in "Vogue", das ist auch Vorbild für die Inszenierung von Marken im passenden Umfeld. Die "Vogue"-Ästhetik wird zum Maßstab für die Anzeigenmotive und so sind sie auch: schön anzusehen. Einen Luxus der besonderen Art leistet sich "Vogue" jedoch: Die eigenen Modestrecken bleiben komplett werbefrei.

Mode von heute im Stil des frühen 20. Jahrhunderts
Mode von heute im Stil des frühen 20. Jahrhunderts

Das aktuelle Heft

Die Juli-Ausgabe huldigt Karl Lagerfeld, seit 30 Jahren Chefdesigner von Chanel, das in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiert. Die Nähe von "Vogue" und Lagerfeld ist traditionell eng. Das aktuelle Heft dreht sich ausschließlich um das Modehaus und ihn, der über sich selbst schreibt: "Nur normale Menschen denken, ich sei nicht normal."

Lagerfeld, der seit Jahrzehnten auch fotografiert, setzt in den drei Modestrecken, die satte 40 Seiten des 182 starken Heftes ausmachen, seine Akzente. Arp hat als zuständige Moderedakteurin selbst Hand bei der Umsetzung angelegt. Es ist "Vogue" im besten Sinne.

Die schwarz-weiß fotografierte Strecke "Große Freiheit" führt durch ein backstein-kaltes Hamburg, zeigt Models auf Brücken, an Kanälen, im diffusen Licht eines Frühlingstages. Die farbige Bilderserie "Traumschön" hat den Anschein alter Fotografien aus dem Anfang des 20. Jahrhundert, inszeniert enge Blusen, lange, taillierte Röcke, Schleier und Hüte.

Linda Evangelista zeigt viele Gesichter
Linda Evangelista zeigt viele Gesichter
Für "Bella di Giorno" ist mit Linda Evangelista, dem Super-Model der 90er Jahre, eine weitere Ikone dieser schillernden Welt dabei. Es ist dieses Zusammenspiel von Evangelista, die immer nur einen Klick entfernt zornig, nachdenklich, sinnlich sein kann, und Lagerfeld, der genau diese Momente einzufangen vermag.

Doch es ist nicht allein die Optik, die das Magazin bestimmt. Vor allem die großen Interviews und Gespräche bieten Größen aus Mode, Kunst und Kultur viel Raum. Im aktuellen Heft sind es Interviews mit Chanel-Boss Bruno Pavlovsky und Chanel-Chefdirektrice Virginie Viard sowie ein ungewöhnliches Gespräch zwischen Künstler Olafur Eliasson und Neurologin Tania Singer über Empathie. Eliasson: "Manchmal entstehen gute Dinge auch aus nichtakademischen Gedanken. Manchmal ist vielleicht ein Bier oder ein kleines Lagerfeuer impulsgebend."

Auflage

Im 1. Quartal 2013 hat "Vogue" laut IVW 127.905 Exemplare verkauft - 9,5 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Vor allem der Einzelverkauf hat gelitten. Er sank um fast 10.000 Exemplare auf 57.274. Die Aboauflage lag bei 26.151 Exemplaren.

HORIZONT liest ...

Printkrise hin oder her, noch nie hat es an deutschen Kiosken eine so große Auswahl gegeben wie im Jahr 2013. Der Leser kann aus rund 6000 Zeitschriftentiteln wählen, dazu kommen die regionalen und überregionalen Tageszeitungen.

In der Online-Kolumne "HORIZONT liest..." wühlt sich die Redaktion wöchentlich durch die Vielfalt am Zeitschriften- und Zeitungsstand und stellt ihre Favoriten jeden Donnerstag vor.

Zielgruppe

Die "Vogue"-Leserin ist laut Mediadaten von Condé Nast beziehungsweise AWA 2012 im Schnitt 41,5 Jahre alt und verfügt über ein Haushaltsnettoeinkommen von 3314 Euro. Sie ist überdurchschnittlich gebildet und äußerst luxusorientiert. Zudem sind unter den Leserinnen überdurchschnittliche viele Trendsetter und Markenbewusste. "Vogue" erreicht laut AWA 1,57 Millionen Leser.

Facts

"Vogue" erscheint monatlich beim Münchner Verlag Condé Nast zu einem Copypreis von 6 Euro. Die 1/1 Seite in 4c kostet 29.700 Euro. Die Vermarktung liegt bei Condé Nast. pap

Lagerfeld fotografiert in Hamburg
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