HORIZONT liest ... "Neon": Texte für Jugendliche, die in die Jahre gekommen sind

Donnerstag, 16. Mai 2013
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Als im März der rundum erneuerte "Stern" am Kiosk stand, mussten sich die Macher schon einmal den Vergleich mit der kleinen Schwester gefallen lassen. Ein Hauch "Neon" umwehe das überarbeitete Magazin, sagte etwa Mediaplus-Geschäftsführer Andrea Malgara, und das sei vor allem für jüngere Leser verlockend. Von der Line Extension zum Musterbeispiel: Was das Ansehen, die Reichweite und die Relevanz im Zeitschriftenmarkt betrifft, ist "Neon", der als junger Titel unter dem "Stern"-Logo im Verlag Gruner + Jahr erscheint, längst erwachsen geworden.

Inhalt

Erwachsen geworden, das darf man jetzt schreiben, denn der einst verwendete Untertitel "Eigentlich sollten wir erwachsen werden" ist im Jahr 2006 weggefallen. Die Bandbreite der Themen dagegen, die junge Frauen und Männer zwischen 20 und 40 Jahren bewegen, ist seit der ersten Ausgabe im Jahr 2003 unverändert geblieben: von der Beziehung zur Karriere, von Popkultur bis Psychologie, von Mode bis Reisen. Man fühlt sich aufgehoben in der ganz eigenen Tonalität des Heftes, für die seit April 2012 die beiden Chefredakteure Patrick Bauer und Vera Schroeder verantwortlich sind.

Das aktuelle Heft

In Geschichten wie dem aktuellen Titelthema "Glück statt Karriere", in dem junge Menschen von neuem Selbstbewusstsein in der unsicheren Arbeitswelt von heute berichten und mehr Flexibilität einfordern, finden sich die in die Jahre gekommenen Jugendlichen wieder. "Muss man wirklich ins Büro kommen, wenn man seine Arbeit besser zu Hause machen könnte? Muss man sein Privatleben der Karriere unterordnen, nur weil das Unternehmen, bei dem man arbeitet, kein 32-Stunden-Modell hat? Und will man wirklich so viel arbeiten, verdienen, konsumieren wie möglich - wenn einem längst klar ist, dass diese Art zu wirtschaften keine Zukunft mehr hat?" - Die Fragen, die Autor Lars Gaede stellt, sind nach dem Erfolg von Büchern wie "Die 4-Stunden-Woche" von Tim Ferris nicht neu, aber aktueller denn je. Und gesellschaftlich betrachtet weitaus wichtiger als der tausendste neu auf den Markt gekommene Lippenstift.

Zeit für Forderungen ist in der aktuellen Titelgeschichte
Zeit für Forderungen ist in der aktuellen Titelgeschichte

Weitere Lesetipps der Juni-Ausgabe: Der Selbstversuch der Autoren Dirk Meissner und Tobias Moorstedt mit zwei Drohnen, die sie sowohl ins weltoffene Berlin als auch ins konservative München schicken; die Reportage über den Kölner Musiker Shahin Najafi, der von einem iranischen Ayatollah mit einer Todesfatwa belegt wurde; die These in "Sex ohne Date", nach der das klassische Rendezvous stirbt, weil man nur noch Gruppenaktivitäten mit vielen Freunden plant. Und dazwischen immer wieder Themen, die einem bruchstückhaft selbst ständig begegnen und die erst, wenn über sie berichtet wird, wirklich real werden: Die Story über Menschen, die angeben, indem sie sich beklagen und - auf hohem Niveau - über Dinge jammern, von denen andere nur träumen. Als Beispiel nennt "Neon"-Autor Christoph Koch etwa die Freundin, die sich beschwert, so todmüde von der Feierei in dem tollen neuen Club zu sein, oder den Freund, der sich zwei Tage nach dem Erscheinen darüber beklagt, dass der neue Essayband von Jonathan Franzen leider echt enttäuschend sei. Ihnen genügt es nicht zu zeigen, wie aufregend ihr Partyleben ist oder wie schnell sie anspruchsvolle Bücher verschlingen. "Sie wollen nicht nur Bewunderung, sondern - und das ist der Punkt, an dem es so schwer erträglich wird - auch noch Mitleid", schreibt Koch.

Auflage

HORIZONT liest ...

Printkrise hin oder her, noch nie hat es an deutschen Kiosken eine so große Auswahl gegeben wie im Jahr 2013. Der Leser kann aus rund 6000 Zeitschriftentiteln wählen, dazu kommen die regionalen und überregionalen Tageszeitungen.

In dieser Online-Kolumne wühlt sich die HORIZONT-Redaktion wöchentlich durch die Vielfalt am Zeitschriften- und Zeitungsstand und stellt ihre Favoriten jeden Donnerstag vor.

In der "Horizont"-Redaktion kommt der "Neon"-Stil an. Er trifft den Ton junger Erwachsener und ist eine ernsthafte Alternative zum überbordenden Bereich der Frauenzeitschriften, die trotz oder gerade wegen der Aufbereitung ernster Themen Lesespaß macht. Doch auch in Hamburg sinkt die verkaufte Auflage: Nach dem großen Sprung - von rund 125.000 Exemplaren im 1. Quartal 2005 auf 210.000 im selben Zeitraum 2008 - und dem bisherigen Höchstwert von 233.375 verkauften Ausgaben im 1. Quartal 2011 verzeichnet G+J für " Neon" momentan eine verkaufte Auflage von knapp über 220.000 Exemplaren (I/2013). Bemerkenswert: Knapp 98 Prozent davon zählen zur harten Auflage, die sich aus Abo und Einzelverkauf zusammensetzt.

Zielgruppe

In der Juni-Ausgabe vertrauen vor allem Anzeigenkunden aus der Automobil- und Kosmetikbranche sowie dem Medienbereich auf eine attraktive Zielgruppe: 72 Prozent der Leser sind laut Verlagsangaben zwischen 14 und 39 Jahren alt, 51 Prozent davon verfügen über ein Haushaltsnettoeinkommen von mehr als 2500 Euro monatlich.

Facts

"Neon" erscheint monatlich im Hamburger Verlag Gruner + Jahr. Die Vermarktung liegt bei G+ J Media Sales. Der Preis für eine Anzeigenseite (sw/4c) bewegt sich im Innenteil zwischen 21.200 und 23.700 Euro. Der Copypreis liegt bei 3,70 Euro. kl

Ein Klassiker für Leser, die am Ende des Heftes starten: das "Neon"-Bilderrätsel
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