HORIZONT liest … "WiWo": Das Blatt für Leute, die mehr vom Sein verstehen wollen

Mittwoch, 29. Mai 2013
Die aktuelle "Wirtschaftswoche"
Die aktuelle "Wirtschaftswoche"

Ja, sicher, man sollte sich schon für Wirtschaft interessieren, um die "Wirtschaftswoche" mit Gewinn zu lesen. Für das, was die Wirtschaftswelt im Innersten zusammenhält - oder zerstört. Man sollte Zahlen und ein bisschen Theorie nicht scheuen. Und man sollte verstanden haben, dass Wirtschaft mehr ist als nur Soll und Haben - dass sie nämlich, erstens, eine Denkhaltung ist, die Welt zu ergründen und die vieles erklärt, weit über "die Wirtschaft" hinaus: Politik, Kriege, Fortschritt, menschliches Handeln. Und dass Wirtschaft, zweitens, die materiellen Bedingungen bestimmt, in denen auch die Menschen leben, die sich keinen Deut für Wirtschaft interessieren. Schließlich bestimmt das Sein das Bewusstsein, um mal Karl Marx zu zitieren, der indes weniger Spaß an der "Wiwo" hätte.

Der Inhalt

Denn Chefredakteur Roland Tichy, seit 2007 dort am Ruder, und seine rund 100-köpfige Redaktion fahren einen dezidiert (wirtschafts-) liberalen Kurs, nicht ohne freilich immer wieder zu erklären, warum am Ende alle etwas von mehr Freiheit hätten - und eben nicht nur "die Wirtschaft". Und viel früher als in allen anderen größeren Medien waren vor sehr vielen Jahren in der "Wiwo" erklärende Warnungen vor etwas zu lesen, was mittlerweile gemeinhin als Finanzkrise bekannt ist. Dies mag auch daran liegen, dass der theoretische Horizont der "Wiwo"-Redaktion nicht nur von Keynes bis Friedman reicht, sondern weiter über Hayek bis hin zu Mises, der ja am besten erklärt, was seit Jahren passiert und weiter passieren wird.

Die "Wiwo" schminkt sich nicht, was nicht heißt, dass manche Texte und Layouts nicht ein bisschen mehr Liebe vertragen könnten. Man muss die langen Stücke und kurzen Infokästen lesen, die Grafiken studieren, das Heft durcharbeiten. Blättern alleine bringt nichts. Das ist der Beachtung der Anzeigen daneben sicher nicht abträglich. Die Ressorts klingen eher nach Graubrot statt nach Canapés - aber sie machen satt: "Menschen der Wirtschaft" als Nachrichteneinstieg, dann "Politik & Weltwirtschaft" sowie das aufschlussreiche Hintergrundressort "Der Volkswirt". Es folgen "Unternehmen & Märkte" (hier verstecken sich oft News, aus denen andere Titel zig Vorabmeldungen drechseln würden), "Technik & Wissen" inklusive der Kolumne des Silicon-Valley-Korrespondenten (lange bevor Axel Springer dort seine WG gegründet hat), der Jobteil "Management & Erfolg", die Anlegerseiten "Geld & Börse" und das Vermischte "Perspektive & Debatte".

Die "Wiwo" bietet gehaltvolles Graubrot statt luftiger Canapés
Die "Wiwo" bietet gehaltvolles Graubrot statt luftiger Canapés

Das aktuelle Heft

Das Titelthema in Ausgabe 22/2013 (27. Mai) ist angesichts steigender Immobilienpreise und Mieten - warum das so ist, wissen regelmäßige "Wiwo"-Leser längst - und politischer Regulierungsreflexe aktuell platziert: Der Auftakt einer Immobilienserie, die gleichermaßen Mieter und Vermieter, Käufer und Verkäufer, Makler, Eigentümer und Sanierer anspricht. Auf acht eng bedruckten Seiten taucht die Redaktion so tief ins Thema ein, dass man sich fragt, was da noch für die zwei weiteren Folgen der Serie übrig bleibt.

Ein früher Höhepunkt jeder "Wiwo" findet sich gleich auf Seite 3: das Editorial des Chefredakteurs. Dort kämmt Tichy gleichsam nüchtern wie pointiert ein Thema gegen den politisch korrekten Mainstream-Strich, diesmal die Grotesken der so genannten Energiewende samt dem "Einbruch der Wirklichkeit in das Ökopuppenhaus". Passend dazu finden sich im Heft drei Stücke, die auch mal die sozialen Kollateralschäden der Energiewende aufblättern. Man darf sich schon freuen, dass Tichys Team sicherlich bald beschreibt, wie die Politik versuchen wird, die Folgen der Regulierung zu regulieren. Insofern ist die "Wiwo" das Blatt für Leser, denen in den allgegenwärtigen Interventionsspiralen nicht schwindelig wird - sondern die dabei immer wieder staunen und lachen können, und sei es aus Fatalismus. Ebenfalls ein Highlight im Politikressort: Die skeptische, aber faire Betrachtung der Stolpersteine der Protestpartei "Alternative für Deutschland" auf ihrem Weg zur Bundestagswahl.

Lehrreich der "Volkswirt"-Teil, der diesmal Einblicke gibt in die Vieles entscheidende Zinspolitik der EZB, die Veränderungen am so wichtigen Ölmarkt und ins Phänomen, warum die Deutschen trotz unsicherer Zeiten immer weniger sparen. Und bezeichnend die Kolumne des profilierten Wirtschaftsprofessors Hans-Werner Sinn, der die Verschärfung der CO2-Grenzwerte in der europäischen Autoindustrie als "finsterste Industriepolitik" von Frankreich und Italien beschreibt. Im folgenden Unternehmensteil findet sich der gewohnt muntere Mix aus Themen (Elektroauto) und Branchen: Schwerindustrie (Thyssen Krupp), Medien (Axel Springer/Paid Content), Airlines (Delta), Finanzen (Commerzbank) und Dienstleistungen (Deutsche Post). Die Story über Yahoos Tumblr-Deal steht dagegen im Technik-Ressort.

Es geht auch etwas bunter: Doppelseite aus der aktuellen "Wirtschftswoche"
Es geht auch etwas bunter: Doppelseite aus der aktuellen "Wirtschftswoche"

Auflage

Seit dem Amtsantritt Tichys im Sommer 2007 ist die verkaufte Auflage um knapp 12 Prozent auf nun 164.179 Exemplare gesunken (1. Quartal 2013). Nicht schön, aber in dieser 6-Jahres-Betrachtung im Vergleich mit anderen (Wirtschafts-) Titeln ein moderater Wert. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum sind die Verkäufe um 5,1 Prozent gebröckelt - allerdings vor allem wegen der massiven Reduzierung der Sonstigen Verkäufe und der Lesezirkelhefte. Die Königsdisziplinen zeigen erfreuliche Zahlen: Die Abos liegen stabil bei 82.520 Exemplaren (minus 1 Prozent), die Einzelverkäufe stiegen gar um 6,6 Prozent auf 10.654 Hefte.

HORIZONT liest ...

Printkrise hin oder her, noch nie hat es an deutschen Kiosken eine so große Auswahl gegeben wie im Jahr 2013. Der Leser kann aus rund 6000 Zeitschriftentiteln wählen, dazu kommen die regionalen und überregionalen Tageszeitungen.

In dieser Online-Kolumne wühlt sich die HORIZONT-Redaktion wöchentlich durch die Vielfalt am Zeitschriften- und Zeitungsstand und stellt ihre Favoriten jeden Donnerstag vor.

Zielgruppe

Die Reichweite der "Wiwo" liegt stabil bei 1 Million Lesern. Diese seien in den Chefetagen zu Hause, verfügten über überdurchschnittlich viel Geld und seien sowohl im Hinblick auf unternehmerische Entscheidungen als auch beim privaten Konsum eine Premium-Zielgruppe - auch als Meinungsbildner und Multiplikator, trommelt der Verlag. Die MA Pressemedien 2013/I bestätigt das Soziodemographische: Zwei Drittel der Leser - 84 Prozent davon Männer - verfügen über ein Haushaltsnettoeinkommen von über 3000 Euro. 53 Prozent sind zwischen 40 und 59 Jahren alt, bewegen sich also in jener Altersphase, in der sich Karriere und Konsumausgaben gemeinhin auf dem Höhepunkt befinden. 61 Prozent der Leser sind qualifizierte oder leitende Angestellte oder selbstständig.

Facts

Die "Wirtschaftswoche" erscheint wöchentlich in der Verlagsgruppe Handelsblatt, Düsseldorf. Abonnenten erhalten das Heft samstags, im Einzelhandel erscheint es montags (Copypreis: 5 Euro). Eine 1/1-Anzeigenseite kostet laut Preisliste 27.700 Euro. Die Vermarktung obliegt IQ Media Marketing. rp
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