HORIZONT-Check zum ESC-Casting: Eier schaukeln für Baku

Freitag, 13. Januar 2012
Die Juroren und die Sieger der ersten Folge von "Unser Star für Baku"
Die Juroren und die Sieger der ersten Folge von "Unser Star für Baku"
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Die Suche nach dem besten musikalischen Nachwuchstalent läuft auf Hochtouren: Sat 1 will "The Voice" hervorbringen, RTL den „Superstar" und Pro Sieben mit der ARD "Unseren Star für Baku". Letzteres startete gestern Abend - und überzog seine Kandidaten nur so mit fäkalsprachlichen Vokabular: Sie mussten sich für "zu kleine Eier" und "Arschplätze" rechtfertigen, sangen besonders schön über "Dicks" und hatten zumeist „volle Buxen". Solcher Umgang ist vielleicht etwas für RTLs "DSDS". Dieter Bohlens Kraftsprüche sind legendär. Aber der ach so seriösen Suche nach dem deutschen Kandidaten für den Eurovision Songcontest (ESC), stehen die Kraftausdrücke einfach nur schlecht zu Gesicht. Einem so spannenden Kandidatenfeld, das deutlich spezieller und weniger mainstreamiger ist, als das der Konkurrenten, einen solchen Rahmen zu bieten, ist schade. Die Stimmen haben hohen Wiedererkennungswert, auch die Gesichter der ersten zehn Bewerber, die Pro Sieben gestern Abend zum Publikumsvoting stellte, prägen sich ein. Da ist die fast schon autistisch wirkende Shelly Phillips, die auf der Bühne aber einen fast schon an Kunst erinnernden Auftritt hinlegt und die staksige Leonie Burgmer, deren eigenwillige Stimme gleich in den Bann zieht.

Dass das Unterfangen dennoch in weiten Teilen in die Hose ging, haben Jury und Moderatoren zu verantworten. Dass diese einen entscheidenden Einfluss auf den Gesamteindruck haben, ist hinlänglich bekannt. Und da haben die ohnehin auf Konsens bedachte ARD, Pro Sieben und der traditionelle Königs- und Königinnenmacher Stefan Raab diesmal ziemlich daneben gegriffen. Den Star für „Oslo" suchte Raab noch als Juryvorsitzender, begleitet von einer Herde von Gastjuroren, von denen einige nun auch in der „The Voice"-Jury sitzen.

Für den ESC in Baku dagegen geht es nun klassisch daher: Es gibt mit Thomas D. einen Vorsitzenden und zwei Beisitzer: Die noch wenig bekannte Frida Gold"-Sängerin Alina Süggeler und Raab. Das letzterer das Zepter nicht abgeben kann, war klar. Vielleicht auch deshalb musste Thomas D. seinen Vorsitz mit einem Schwall von Halbsätzen, englischen Wörtern und Kraftausdrücken untermauern. Drei Kostproben: „Wenn man diesen Song singt, braucht man Eier, die so groß sind, dass sie nicht in die Hose passen", höhnte er über den ersten Kandidaten Jan Verweij. „Deutschland! A star ist born! Damn right!" schleuderte er dem arglosen Publikum nach dem Auftritt von Shelly in Schwäbisch-Englisch entgegen. Gleiches bekam Roman Lob ab Ex-DSDS-Kandidat: „You made it! You fukin' made it". Von der sprachlichen Eleganz eines Raabs hat Thomas D. nichts. Sein großes Pech ist, dass Raab direkt daneben sitzt und so Thomas D.s Unvermögen ständig sichtbar macht.

Alina Süggler dagegen setzt auf Empathie. Weil sie ja selbst mit ihren 26 Jahren noch jung sei, ebenso wie ihre Karriere, könne sie sich gut einfühlen, erklärt sie am Anfang. Und so dürfen sich die Kandidaten fast durchweg anhören, dass sie Alina berührt haben, dass Alina sie fühlen konnte, oder dass Alina eben weder berührt war, noch die Sänger fühlen konnte. Musikalische Expertise sieht anders aus.

Was Süggeler an Einfühlungsvermögen zu viel hat, fehlt den beiden Moderatoren - BR-Moderatorin Sandra Riess und Steven Gätjen, der sonst auch „Schlag den Raab" kommentiert - dagegen völlig. Während Gätjen die Kandidaten nach ihrem Auftritt befragt, übernimmt Riess sie, wenn sie die Bühne verlassen. Verlierer Verweij muss sich auf diesem Weg von beiden diverse Witze darüber gefallen lassen, wie aus kleinen große Eier werden können, bevor er in den Green Room entkommt, in dem die Kandidaten warten. Warum der Green Room denn Green Room heißt, will Riess dann vom Publikum wissen und liefert selbst die Antwort: Beim ESC selbst gebe es auch einen Green Room. Ratlos bleibt der Zuschauer angesichts solchen Scharfsinns zurück.

Aber Riess hat noch mehr auf der Pfanne: Von den zehn Bewerbern kommen nur fünf weiter, da aber die sechs besten Teilnehmer sehr nah beeinanderliegen, wechselt sich die Reihenfolge auf diesem Platz ständig ab - und damit die Anspannung wer kommt und wer geht. Platz 6 nenne sie den „Arschplatz", erzählt Riess den verblüfften Wartenden daher kurz vor Ende des Votings. „Wer von Euch hat die Buxe voll?", will sie außerdem wissen.

Das Drumherum aus merkwürdigen Kommentaren und Fragen, vergällt einem die Lust darauf, die Kandidatenwahl weitere sieben Runden lang zu verfolgen, gründlich. Dann doch lieber „DSDS" mit einem Dieter Bohlen, der in seiner Derbheit, wenigsten authentisch wirkt, oder „The Voice" mit guten Kommentaren und gezügelten Juroren. „Unser Star für Baku" werden die Leute trotz Thomas D. und Riess sehen, nicht wegen. Und das auch nur, weil - einziger Pluspunkt für Thomas D. - die von ihm ausgewählten Sängerinnen und Sänger wirklich außergewöhnlich herüber kommen.

Das Publikum scheint ähnlich ambivalent zu sein: Mit 2,44 Millionen Zuschauern im Gesamtpublikum schafft es „Unser Star für Baku" nicht mal in die Top 20 am gestrigen Abend. Bei den 14- bis 49-Jährigen sieht es mit einem Marktanteil von 15,6 Prozent und 1,86 Millionen Zuschauern allerdings deutlich besser aus.

Der wirklich große Erfolg dürfte das Votingverfahren sein: Die Abstimmung läuft kontinuierlich durch, ständig werden die Ränge eingeblendet, auf denen die Kandidaten stehen. Das ist spannend und könnte so manchen dazu verführt haben, doch noch einmal mehr anzurufen - für 50 Cent pro Minute. In Sachen lukrative Erlösmodelle dürfte der neue Star bereits gefunden sein. pap
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